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Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel

9. September 2026

„Henryk, hast du diesen Sommer schon etwas vor? Lust auf eine kleine Radtour? Über die Alpen?“ Ungefähr so klang es, als mein Freund Tom anrief und vorschlug, mit dem Fahrrad von Mailand nach Basel zu fahren. Keine organisierte Tour, kein Begleitfahrzeug, kein Support-Team. Nur wir drei Jungs, ein paar Freunde und Verwandte entlang der Strecke und eine grobe Route, zusammengeschustert mit Komoot. Rund 450 Kilometer, 5.590 Höhenmeter, fünf Tage. Strampeln, strampeln, strampeln. Was sollte da schon schiefgehen?

Tag 1: Abflug gen Milano

Berlin, 5:00 Uhr morgens.
Kaffee im Halbschlaf runtergestürzt, Fahrradkarton in den Uber gewuchtet und ab zum Flughafen. Hier traf sich unsere kleine Reisegruppe übrigens zum ersten Mal. Aber was sollte da schon schiefgehen? Wenn alle dieselbe Leidenschaft teilen und hochmotiviert ins Abenteuer starten, kann eigentlich nichts passieren.

Eigentlich.

In Mailand angekommen, suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen, montierten Bikes und Gepäck, entsorgten die Fahrradkartons und machten uns auf in die City. Straßen voller Roller, hupende Autos und mittendrin der imposante Mailänder Dom. Dort entstand unser erstes gemeinsames Selfie – noch sauber, frisch und voller Energie. Das sollte sich in den nächsten Tagen ändern.

Nach einem typisch italienischen Snack aus Focaccia und frisch gepresstem Orangensaft ging es raus aus der Stadt, Richtung Como. Das Wetter spielte perfekt mit: leichter Wind, Sonnenschein und angenehme Temperaturen. Besser konnte eine erste Etappe kaum starten. Unser Tagesziel war Viggiù. Dort wartete bereits unser Freund Marc (ich hatte ihn im Vorjahr beim Skitouring in Andermatt kennengelernt) grinsend auf uns. Er nahm uns nicht nur herzlich in seiner bescheidenen Villa auf, sondern sorgte mit Pool, kaltem Bier und Pizza für den perfekten Ausklang unserer ersten – zugegeben eher funktionalen als malerischen – Etappe.

Noch waren die Beine frisch. Noch war das Lächeln echt.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Tag 2: Seen, Espresso und die ersten Höhenmeter

Der nächste Morgen begann standesgemäß mit einem kleinen Espresso. Gemeinsam mit unserem Gastgeber rollten wir Richtung Norden. Erste Pause am Lago Lugano, zweiter Espresso und ein Cornetto mit Seeblick. Urlaubsmoment pur. Weiter ging es Richtung Lago Maggiore, wo wir dann auch die ersten kleinen Anstiege in den Beinen spürten.

„Sind wir eigentlich schon im Tessin oder noch in Italien?“ Schwer zu sagen. Die Grenze zwischen Italien und dem Tessin verschwimmt hier ziemlich. Vor allem landschaftlich: Berge, Seen, kleine Orte – und überall diese Postkartenmotive, bei denen man sich kurz fragt, warum man eigentlich noch weiterfahren sollte. Aber wir wollten ja nach Basel.

Gegen Mittag verabschiedete sich Marc in Locarno und machte sich auf den Heimweg Wir drei setzten unsere Reise Richtung Alpen fort. Bellinzona mit seinen Burgen und dem italienischen Flair war ein weiteres Highlight. Nach einem Nachmittag mit ordentlich Gegenwind war die Pause am Fiume Ticino für uns allerdings noch schöner. Schuhe aus. Socken runter. Rein ins kalte Wasser. Herrlich.

Von dort aus wartete noch ein letzter Anstieg nach Acquarossa auf uns. Nach 100 Kilometern und 1.400 Höhenmetern ließen wir den Tag mit Rotwein und Polenta ausklingen. Erschöpft, aber glücklich. Der wirklich anstrengende Teil sollte schließlich erst am nächsten Morgen kommen.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Tag 3: Der Lukmanierpass – Schinderei und Panorama

Tag drei war die „Königsetappe“. 1.918 Meter hoch auf den Lukmanierpass. Danach sollte die Belohnung in Form einer langen Abfahrt ins Bündnerland folgen. Zunächst fühlte es sich allerdings weniger nach Belohnung und mehr nach Bestrafung an. Schon die ersten Kilometer zogen sich. Die Steigung nahm zu und schien einfach nicht mehr aufzuhören. Die Sonne brannte bereits am Vormittag, der Schweiß tropfte und irgendwann redeten wir nicht mehr besonders viel. Jeder kämpfte sich in seinem eigenen Tempo den Berg hinauf.

Tom wechselte auf halber Strecke sogar noch die Kassette. Für uns bedeutete das immerhin eine willkommene Verschnaufpause, in der wir Wasser und Energieriegel nachschieben konnten. Und wie sollte es bei der Tour de Friends auch anders sein: Natürlich freundeten wir uns währenddessen mit dem hilfsbereiten Shopinhaber an. Wer eine Leidenschaft wie das Radfahren teilt, kommt schließlich auch über Sprachbarrieren hinweg ins Gespräch.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Der Lukmanierpass gilt als einer der leichteren Alpenpässe. Wir hatten ihn vor allem deshalb gewählt, weil die Wahrscheinlichkeit für Schnee vergleichsweise gering war. Für uns war diese Variante anspruchsvoll genug. Umso größer war die Freude, als endlich die Passhöhe mit ihrem kleinen, hübschen Kapellchen vor uns auftauchte. Oben angekommen: nur noch Grinsen, Selfies und dieses ziemlich großartige Gefühl, gerade einen Berg bezwungen zu haben und die Welt unter sich zu sehen.

Die Abfahrt genossen wir anschließend in vollen Zügen. Mal temporeich, mal entspannt, immer wieder unterbrochen von Fotostopps. Zum Beispiel am Stausee Lai da Sontga Maria. Was beeindruckender ist – der Blick auf den See mit den verschneiten Bergen im Hintergrund oder der Blick hinunter ins Tal jenseits der Staumauer? Macht euch am besten selbst ein Bild.

Weiter ging es bergab nach Disentis, begleitet von feinsten Ausblicken links und rechts der Passstraße. Ein weiterer lohnender Stopp wartete an der Kapelle St. Josef Darvella. Weniger pompös als das Kloster Disentis, dafür ein kleines barockes Juwel aus dem Jahr 1676. In der Vorhalle, an den Wänden und an der Decke finden sich farbenfrohe Wandmalereien mit Szenen aus der Heiligen Familie und Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Der richtige Ort, um den Puls wieder etwas herunterzufahren und für einen Moment innezuhalten.

Kurz darauf wartete bereits die nächste Attraktion: die Holzbrücke von Rueun, die Punt da Rueun. Sie gilt als älteste gedeckte Holzbrücke des Kantons Graubünden und bietet dazu einen schönen Blick über den Vorderrhein. Definitiv ein Must-see – und glücklicherweise ohne weiteren Anstieg.

 

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Gegen 16 Uhr erreichten wir Ilanz durch die Porta Sura, den reich bemalten und geschmückten historischen Eingang zur Stadt. Ilanz empfängt uns mit mittelalterlichen Mauern, engen Gassen, Kopfsteinpflaster und historischen Gebäuden. Heute sitzen in den kleinen Cafés und Lokalen Einheimische und Besucher entspannt zusammen und schauen zu, wie die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Am besten mit einem schönen Glas Weißwein und einer ordentlichen Portion Pasta.

Für uns war Ilanz nicht nur das Etappenziel, sondern auch eine willkommene Portion Stadtleben nach einem Tag auf einsamen Passstraßen und zwischen den grünen Hängen Graubündens.

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Tag 4: Vorbei an Rhein und Wein – bis zum Zürichsee

Tag vier unserer Reise stand wieder ganz im Zeichen der „Tour de Friends“. Ich hatte Christoph erst im Februar beim Catskiing in Bakhmaro kennengelernt. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass wir neben dem Skifahren noch einige weitere gemeinsame Hobbys haben. In Georgien hatte ich die Davoser Sportskanone deshalb schon einmal nach seiner Einschätzung zu unserer geplanten Route gefragt. Und Christoph wäre nicht Christoph, wenn er es dabei belassen hätte. Am Morgen des vierten Tages stand er tatsächlich in Ilanz und war bereit, uns ein Stück auf dem Rad zu begleiten.

Im Nachhinein betrachtet sammelten wir auch an diesem Tag ordentlich Höhenmeter. Aber wenn man gut gelaunt und plaudernd durch die Gegend rollt und dabei die Blicke in die Rheinschlucht und auf verschneite Gipfel genießen kann, wird die körperliche Anstrengung schnell zur Nebensache.

Unsere Route führte von Ilanz über das hübsche Valendas und vorbei an der Aussichtsplattform Zault bei Bonaduz bis nach Chur. Chur kannte ich bisher vor allem als Drehkreuz: aussteigen, umsteigen und mit dem Postbus weiter in Richtung Flims Laax, Davos, Lenzerheide oder St. Moritz. Ein Fehler, wie ich inzwischen weiß. Beim nächsten Besuch werde ich definitiv etwas mehr Zeit einplanen. Die hübsche Altstadt und das jugendliche Flair machen Chur zu einem ziemlich coolen Zwischenstopp. Auch Radfahrer kommen in der Region voll auf ihre Kosten. Der junge Alpenrhein, die umliegenden Weinbaugebiete und das eindrückliche Calandamassiv sorgen für eine Landschaft, die auf dem Fahrrad mindestens genauso viel Spaß macht wie aus dem Autofenster.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Bei Landquart führte uns Christoph anschließend durch die Weinberge von Malans und Jenins bis nach Fläsch. Dort trennten sich unsere Wege. Christoph düste zurück nach Davos, während wir dem Tal weiter in Richtung Walensee folgten. Am Nachmittag wollten wir schließlich in Richterswil am Zürichsee bei meiner Schwester einchecken.

Unterwegs rief sie mich an. Wann wir denn ungefähr bei ihnen seien? Wir könnten uns doch direkt am See treffen. Und wie wir eigentlich die Idee fänden, gemeinsam eine Runde mit dem Boot zu drehen – inklusive Badestopp und Abendessen auf der Insel Lützelau?

Eine vortreffliche Idee, wie alle fanden. Und ein taktisch kluger Motivationsschub, der uns über müde Beine, Schweiß und Gegenwind hinwegsehen ließ.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel
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Tag 5: Die letzten Kilometer bis nach Basel

Zugegeben: Ich hätte an diesem fünften Tag auch sehr gut bei meiner Schwester im Garten oder am See abhängen können. Aber nicht nur ich habe Geschwister in der Region. Um 9:30 Uhr wollte Toms Bruder zu uns stoßen, um uns von Wädenswil einige Kilometer bis nach Zürich zu begleiten.

Zürich ist – ähnlich wie Vancouver oder Kopenhagen – eine dieser Städte, die man liebend gern als Homebase bezeichnen würde. Im Vergleich zu Berlin wirkt hier vieles erstaunlich entspannt und geschmackvoll. Zumindest an diesem Tag schienen selbst die Menschen ein bisschen mehr Zeit zu haben. Anstelle von Porsche vor der Tür und Rolex am Handgelenk rollte ich also auf meinem Cannondale und mit Garmin-Pulsuhr über die berühmte Bahnhofstraße. Wir zischten durch den frisch eröffneten Fahrradtunnel, vorbei am Museum für Gestaltung und anschließend immer an der Limmat entlang Richtung Westen.

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Apropos Zischen. Habt ihr schon einmal Bungeesurfen gesehen – oder sogar ausprobiert? Wenn wir an diesem Vormittag nicht irgendwann unseren Zug in Basel hätten erwischen müssen, hätte ich vermutlich spontan die Radlerhose gegen Boardshorts getauscht.

Zum Verständnis: Dabei befestigt man ein Bungee-Seil an einem Brückenpfeiler und lässt sich zunächst mit dem Surfboard in der Hand flussabwärts treiben. Sobald das Seil unter Spannung steht, wird man zurück in Richtung Brücke gezogen – und kann, unterstützt von Strömung und Seil, gegen den Fluss surfen.

Theoretisch.

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In Basel kamen wir dann aber doch noch zu unserer wohlverdienten Abkühlung. Der Rhein ist in Basel so sauber, dass man darin baden kann. Im Sommer lassen sich deshalb zahlreiche Menschen beim sogenannten „Rhyschwumm“ von der Strömung durch die Stadt treiben. Logistisch ließ sich das mit unseren Fahrrädern leider nicht wirklich gut realisieren. Kilometerlang mit der Strömung treiben lassen und anschließend irgendwie wieder an die Räder kommen – das hätte unsere ohnehin schon ambitionierte Reiseplanung vermutlich etwas gesprengt. Also blieb es bei einem Bad in der Badi. Und das war mindestens genauso schön.

Es fühlte sich ein bisschen unwirklich an, aber unsere Reise war tatsächlich zu Ende. Wir hatten es geschafft. Rund 450 Kilometer inklusive Alpenüberquerung lagen hinter uns. Seliger hätten wir an diesem Abend kaum in den Nachtzug zurück nach Berlin steigen können. Und natürlich schmiedeten wir bereits die Pläne für die nächste Tour. „Wie wäre es denn mit Triest – München?“ Klingt doch nach einem Plan.

Tour de Friends – Alpcrossing von Mailand nach Basel

Hinweis: Solch eine Reise erfordert eine gewisse Grundkondition und Leidensfähigkeit. Man sitzt viele Stunden auf dem Fahrrad und strampelt, strampelt, strampelt. Aber die Mühe ist es wert!

Wir bedanken uns beim TVB Graubünden für die Unterstützung bei der Planung und den Aufenthalten unterwegs. Alle geschilderten Eindrücke und Empfehlungen beruhen, wie immer, auf unseren persönlichen Erfahrungen.

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