In Wander-Boots zum Märchenschloss. Unterwegs im Allgäu.
Das Allgäu kann vieles: Postkartenidylle, entspannte Familienurlaube, Weißwurstfrühstück mit Bergblick und anspruchsvolle Wanderungen. Rund um Füssen, zwischen Allgäuer und Ammergauer Alpen, zeigt sich das Ostallgäu vielleicht von seiner schönsten Seite: Märchenhaft erhebt sich das weltberühmte Schloss Neuschwanstein oberhalb von Alpsee und Forggensee. Ein wahr gewordener Disney-Traum – nur eben mit Reisebussen davor. Für mich ist Füssen aber vor allem eins: Überraschend. Ein Ausflug an einen Ort, der so viel mehr ist, als hübsche Kulisse.
Eine kurze Auszeit, bitte. Gerne mit Bahn statt mit dem Auto. Drei bis vier Tage sollten reichen. Spätsommer oder Herbst wäre perfekt… So oder ähnlich klang mein Wunsch ans Universum. Und das Universum hat geliefert! Mit einer königlichen Spurensuche und abenteuerlichen Bergtouren vor der beeindruckenden Kulisse des Naturparks – inklusive einer Begegnung mit einer Rangerin, die meinen Blick auf das Unterwegssein noch einmal nachdrücklich geschärft hat.
Von Berlin geht es für mich mit dem ICE nach Augsburg und weiter mit der Regio-Bahn in Richtung Ostallgäu, genauer gesagt zum so genannten Königswinkel, dem Übergang vom Allgäuer Voralpenland zu den Ammergauer und Tannheimer Alpen. Endstation dieser durchaus kurzweiligen (und ausnahmsweise pünktlichen) Bahnfahrt: Füssen am Lech.
Henryk war im letzten Sommer schon einmal unterwegs im Lechtal und erklärt mir seitdem immer wieder: „Du würdest es lieben!“ Und klar, wer uns kennt und länger folgt, der weiß, wie sehr uns Berge, anspruchsvolle Wanderungen und traumhafte Kulissen wie diese gefallen. Umso größer ist meine Vorfreude auf das verlängerte Wochenende, das nun vor mir liegt. Trotz durchwachsener Wettervorhersage…
Zwischen Neuschwanstein und Forggensee: ein Auftakt mit zwei Gesichtern
Mit dem Bus geht es am frühen Morgen in Richtung Hohenschwangau. Der öffentliche Nahverkehr ist eine super Alternative zum eigenen Auto – und dank Füssen Card für Gäste kostenlos. Vorbei an den sich stauenden Reisebussen bringt uns die Linie 78 in einer knappen Viertelstunde direkt bis zum Fuße des berühmten Schlosses. Von dort aus sind es nur wenige hundert Meter auf einem gut ausgebauten Weg und schon stehen wir auf der Marienbrücke und blicken ehrfürchtig auf das Erbe König Ludwigs II.
Der erste Blick auf Schloss Neuschwanstein ist selten ein stiller, einsamer Moment. Zu bekannt ist die Silhouette, zu groß die Erwartung vieler Touristen aus aller Welt. Trotzdem lohnt es sich, den Besuch nicht nur als obligatorischen Fotostopp abzuhaken und wieder umzukehren. Viel zu schön sind die vielen Wanderwege, die gleich bei Neuschwanstein starten. Von hier aus wandert man auf den Spuren der bayerischen Könige durch eine Landschaft, in der Geschichte und Natur sich vereinen.
Mit jedem Meter Abstand vom Schloss wird es ruhiger. Der Weg führt immer tiefer in den Wald, hinein ins Pöllattal und bis zum Berggasthaus Bleckenau. Nach kurzer Rast geht es weiter, vorbei an der Jägerhütte und über den Schützensteig bis zum Alpenhotel Ammerwald. Unterwegs verändern sich Perspektive und Tempo: Das touristische Wahrzeichen Neuschwanstein ist schnell nur noch ein kleiner Punkt in der Landschaft, der Schlossblick nur noch ein Panorama unter vielen. Meine Aufmerksamkeit gilt vielmehr dem Weg vor mir – und den vielen kleinen Alpensalamandern, die mir Gesellschaft leisten.
Die Wanderung ab Hohenschwangau mit einer Länge von etwas über 13 Kilometern, rund 640 Höhenmetern bergauf und 355 Höhenmetern abwärts ist eine sehr entspannte Einstiegswanderung. Ab dem Hotel Ammerwald fährt im Sommer an den Wochenenden unter anderem die Buslinie 100 zurück Richtung Füssen. Reine Gehzeit rund 4:30 Stunden.
Zum Abschluss dieses ersten Tages dann der Gegenentwurf zur Bergwanderung: eine entschleunigte Ausfahrt auf den Forggensee. Die Landschaft verlangt jetzt nichts mehr von mir, keine Bewegung, kein Anstieg, kein Aussichtspunkt. Nur sitzen, entspannen und den Alphornbläsern lauschen – zugegebenermaßen etwas folkloristisch, aber irgendwie auch rührend – und dabei zusehen, wie sich das Licht langsam aus den Bergen zurückzieht.
„Bergauf hat immer Vorfahrt.“ Vom Tegelberg zur Kenzenhütte.
Der nächste Morgen startet früh. Wieder in den Bus, wieder in Richtung Hohenschwangau – und noch ein paar Meter weiter bis zur Talstation der Tegelbergbahn. Von dort aus nehmen wir die erste Gondel. Das spart Kräfte. Oben angekommen stärken wir uns zusätzlich erst einmal mit einem zünftigen Weißwurstfrühstück auf der Terrasse des Tegelberghauses und genießen den atemberaubenden Ausblick auf den Naturpark.
Der Plan für den Tag: Über den Branderfleck und den Gabelschrofensattel weiter bis zur Kenzenhütte. Mit einer Länge von rund 10 Kilometer ist der Weg in Summe kürzer als der am Vortag. Durch den höheren Aufstieg von insgesamt rund 550 Höhenmetern gefolgt von fast 1.000 Höhenmetern bergab liegt die geschätzte Gehzeit jedoch zwischen fünf und sechs Stunden.
Vor allem der Abstieg fordert Konzentration. Der Berg ist hier kein dekorativer Hintergrund, sondern der Taktgeber des Tages: Schritt für Schritt, mit Pausen, wenn die Beine danach verlangen. Ein Steinschlag gleich hinter dem Gabelschrofensattel zeigt uns zudem, wie unberechenbar die Natur zuweilen ist. Glücklicherweise ist aber alles gut gegangen.
Unterwegs verändert sich die Landschaft ständig. Am Startpunkt bei der Tegelbergbahn genießen wir Weite und Fernblick. Später wird die Landschaft alpiner, die Pfade schmaler, und meine Aufmerksamkeit wandert automatisch vom Panorama auf den nächsten Tritt.
Irgendwann am späten Nachmittag erreichen wir das Tagesziel, die Kenzenhütte. Auf der Berghütte verschiebt sich der Maßstab. Die Zimmer sind einfach, die Nacht beginnt früher, und niemand erwartet, dass man morgens lange im Bett liegt. Dafür bin ich ganz nah an dem, was Wandern für mich ausmacht: wechselndes Wetter, anspruchsvolles Gelände, ehrliche Müdigkeit – und dieses unglaublich gute Gefühl, den Tag aus eigener Kraft bewältigt zu haben.
Eine Hüttennacht verändert den Rhythmus – und gibt jeder Wanderung eine ganz eigene Dynamik. Gespräche werden länger, das Abendessen schmeckt nach einem Tag draußen besonders gut. Und selbst das Aufstehen am frühen Morgen hat eine andere Qualität, wenn der erste Blick durchs Fenster sich direkt auch die Berge richtet.
Mit der Rangerin durch das Sägertal
Der Morgen meint es nicht allzu gut mit uns. Der Regen der Nacht hält weiter an. Es ist nebelig und klamm, als wir von der Kenzenhütte aufbrechen. Unser heutiger Weg führt uns durch das Sägertal und das Graswangtal bis zum Schloss Linderhof, und damit zurück zu den bayerischen Königen vergangener Zeiten. Diese Etappe ist mit rund 7,5 Kilometern und etwa drei Stunden reiner Gehzeit deutlich kürzer. Trotzdem bleibt sie abwechslungsreich und führt durch eine Landschaft, die weniger von spektakulären Panoramen als von ihren Übergängen lebt.
Nach einem intensiven, rund einstündigen Aufstieg zum Bäckenalmsattel treffen wir auf Theresa Filbig, Rangerin im Naturpark Ammergauer Alpen. Sie begleitet uns an diesem Vormittag und lenkt den Blick auf das, was im Vorübergehen in der Regel übersehen wird: Sie erklärt uns, wie sich Tierspuren lesen lassen, wie Wege und Lebensräume sich gegenseitig beeinflussen und warum Naturschutz im Alltag oft mit ganz einfachen Entscheidungen beginnt.
Theresa erzählt nicht nur von dem, was im Naturpark wächst oder lebt. Im Gespräch mit ihr diskutieren wir, wie viel „Mensch“ die Natur überhaupt verträgt, welche Wege sinnvoll sind und weshalb Rücksichtnahme nicht erst dort beginnt, wo ein Schild ausdrücklich darum bittet. Im Naturpark unterwegs zu sein, heißt auch, die eigene Rolle zu reflektieren. Wir sind Gäste – selbst dann, wenn wir mit guten Wanderschuhen, Wasserflasche und ehrlichem Interesse an der Natur unterwegs sind. Dieser Vormittag ist nicht laut, vielleicht noch nicht einmal spektakulär, aber er wirkt nach.
Unsere Wanderung endet nahe Schloss Linderhof. Nach Wald, Almwiesen und Bergpfaden wirkt die barocke Anlage mit einem weiteren Prachtbau der bayerischen Könige wie eine andere Welt. Ein kurzer Spaziergang durch den Schlosspark reicht, um den Kontrast zu den letzten 24 Stunden in der Natur wirken zu lassen. Lag der Fokus eben noch auf Wetter, Wegbeschaffenheit und Hufabdrücken vom Rotwild, geht es hier vor allem um Gartenkunst und die eigentümliche Welt Ludwigs II. Aber eben dieser Kontrast macht das Allgäu und die Ammergauer Alpen so einzigartig.
Vier Tage Allgäu, die nachwirken
Am letzten Tag wechseln wir das Fortbewegungsmittel. Statt Wanderstiefeln stehen E-Bikes bereit. Die Tour führt über ein gut ausgebautes Netz aus Radwegen und Forststraßen auf der sogenannten „Romantischen Straße“ von der Ammergauer Seite der Alpen zurück in Richtung Füssen. Nach intensiven Wandertagen geht es heute nicht darum, möglichst viele Meter zu machen. Bei strahlendem Sonnenschein und mit offenem Blick erkunden wir die idyllische Landschaft, vorbei am Wallfahrtsort Wieskirche und zahlreichen kleinen Dörfern unterwegs, bis wir schließlich wieder am Ufer des Forggensees stehen. Hier schließt sich der Kreis.
Ein Wandertrip ins Allgäu bei Füssen ist nicht die eine große Gipfeltour. Der Zauber liegt in der Abwechslung: Vom malerischen Schloss Neuschwanstein bis zur urigen Kenzenhütte, durch den Naturpark bis zum Schlosspark. Zu Fuß, mit dem E-Bike und bei Alphornmusik auf dem Forggensee.
Vier Tage. Nicht, um die gesamte Region kennenzulernen. Aber für eine Auszeit zwischen Bergschuhen, Schlosspark und Seebrücke, die immer den richtigen Gang findet.
Praktische Tipps für einen Besuch vor Ort
- Reisezeit: Füssen und das Allgäu sind ein ganzjähriges Ziel mit vielen Möglichkeiten. Die Route über den Tegelberg zur Kenzenhütte ist eine alpine Wanderung und in der Regel vom Frühsommer bis in den Herbst begehbar. Vor dem Start der Wanderung immer Wetter, Wegzustand und Öffnungszeiten der Hütten prüfen. Bei schlechten Bedingungen kann die Strecke deutlich anspruchsvoller sein. Mehr Infos hier.
- Kondition: Für die Wanderung vom Tegelberg zur Kenzenhütte sollte man über eine gute Grundkondition und etwas Bergerfahrung verfügen, da die Route über einen Pass führt. Die reine Gehzeit beträgt etwa fünfeinhalb Stunden.
- Übernachtung: Die Kenzenhütte sollte rechtzeitig reserviert werden. Die Schlafplätze sind einfach; übernachtet wird in Mehrbettzimmern oder einem Gemeinschaftslager. Wer lieber im Hotel schläft, findet in Füssen sowie in der Region Ammergauer Alpen zahlreiche Unterkünfte.
- Zwei Regionen, eine Reise: Die Route verbindet Füssen im Ostallgäu mit den Ammergauer Alpen. In Füssen treffen See, Schlösser und die Nähe zu den Tannheimer Bergen auf die stilleren Naturparklandschaften der Ammergauer Alpen, mit Schloss Linderhof und Kloster Ettal.
- Autofrei unterwegs: Die Tour lässt sich gut ohne eigenes Auto umsetzen. Vor Ort fahren Busse unter anderem nach Hohenschwangau und zur Tegelbergbahn. Seit 2026 gibt es den Ringbus, der im Sommer von Freitag bis Sonntag die Regionen Füssen und Ammergauer Alpen miteinander verbindet.
Hinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Einladung zu einer Pressereise entstanden. Alle Eindrücke und Empfehlungen beruhen, wie immer, auf unseren persönlichen Erfahrungen.