Pitztal, Österreich 

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

29. Dezember 2017

Die 3.744 Meter hohe Wildspitze zieht nicht nur Tiroler in ihren Bann. Die Besteigung des höchsten Bergs Nordtirols steht seit spätestens einem Jahr auch auf meiner persönlichen „Must-Do-List“.

Im Dezember 2016, während unserer Tour entlang der fünf Tiroler Gletscher, besuchten Katharina und ich auch den Pitztaler Gletscher – das Dach Tirols. Von der Terrasse des Cafés 3440 aus bestaunten wir die massiven Gipfel um uns herum und lauschten bei der späteren Talfahrt im Gletscherexpress aufmerksam den Erzählungen einer Gruppe Skitourengeher, die breit grinsend den gemeisterten Aufstieg auf die Wildspitze reflektierten.

Die Besteigung eben dieser Wildspitze zählt zweifelsohne zu einer der beliebtesten hochalpinen Gipfeltouren – im Sommer und im Winter. Zwar geht es richtig hoch hinauf und die dünne Luft ist neben anderen alpinen Gefahren wirklich nicht zu unterschätzen, dennoch ist der Gipfel verhältnismäßig einfach zu besteigen: vom Einstieg am Pitztaler Gletscher sind es „nur“ 900 Höhenmeter und weder der Aufstieg noch die Abfahrt gelten als technisch anspruchsvoll. Für mich „Flachland-Tiroler“ klang das nach einer machbaren Herausforderung!

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

Nach den ersten gemütlichen Schwüngen der Saison im Südtiroler Obereggen Anfang Dezember finde ich mich also nur wenige Tage später im tief verschneiten Pitztal wieder. Diesen Winter hat es bereits mächtig geschneit – und auch jetzt rieseln zarte Flocken auf mich herab. Heute steht Vorbereitung auf dem Programm. Das bedeutet: Materialcheck, ein Auffrischen der Lawinenkunde, Prüfen von Kondition und skifahrerischen Skills der Gruppe und Akklimatisierung. So eine Gipfeltour macht man schließlich nicht alle Tage und will gut geplant sein. Der neue DYNAFIT Skitourenpark Pitztaler Gletscher eignet sich dafür perfekt.

Seit diesem Jahr stehen interessierten Skibergsteigern drei ausgeschilderte Trainingsstrecken mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zur Auswahl. Alle starten an der Bergstation des Gletscherexpress auf 2.840 Metern. Meine Truppe versucht sich zunächst an der mittelschweren (roten) Aufstiegsroute 3, der Fernerroute. Die fixe Idee, am heutigen Einstimmungstag gleich alle drei Routen mit insgesamt über 1.600 Höhenmetern zu laufen, können wir unserem Guide Burkhard von der lokalen Skischule glücklicherweise ausreden. Wir einigen uns auf zwei Routen zum Warm-Up…

 

Die Fernerroute

Die Fernerroute startet ganz nach meinem Geschmack. Es geht nämlich zunächst bergab! An der Talstation Gletschersee der Mittelbergbahn ziehen wir schließlich die Felle auf und beginnen dem Pistenverlauf folgend Schritt für Schritt unseren Aufstieg. Das erste Drittel der 3,5 Kilometer langen Tour ist noch recht flach und Burkhards Tempo gemäßigt. Es bleibt also genügend Zeit, die Landschaft zu genießen und den ein oder anderen Foto-Stopp einzulegen ohne dabei den Anschluss zu verlieren. Zu unserer Linken sehen wir in der Ferne eine andere Gruppe Tourengeher – allein in unberührter Natur. Genau diese Einsamkeit macht den Reiz des Tourengehens für mich aus!

Das mittlere Stück der Route ist schon deutlich steiler. Ich merke, dass meine Atmung kürzer und der Puls immer schneller wird. Dennoch bleibt alles im Rahmen und ich bin zuversichtlich, den morgigen Tag einigermaßen zu überstehen. Noch… Es geht nämlich stetig weiter hinauf. Die Luft wird dünner. Wie mag es wohl auf über 3.700 Metern sein? Ich versuche, den Gedanken zu verdrängen, und hechle den anderen hinterher.

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

Die letzten Meter dieser ersten Route schenken wir uns. Stattdessen steigen wir auf zu einer Stelle, von der man die Wildspitze und den Weg hinauf gut einblicken kann. Unterhalb des in den Wolken hängenden Gipfels eröffnet sich ein riesiges Feld, durchsetzt von unzähligen Gletscherspalten. Nach „easy going“ schaut das Gelände vor uns nicht gerade aus und meine Abenteuerlust weicht ersten Zweifeln. „Wenn das Wetter morgen mitspielt, schafft ihr das schon“, beruhigt uns Burkhard. „Jetzt gehen wir aber erst einmal Powdern und danach was Leckeres essen!“ Also ab mit den Fellen und hinein ins unberührte Gelände, das wir uns so mühsam erarbeitet haben. Oooyeah!

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

Die Cappuccino Route

Am Nachmittag folgt der zweite Teil unseres Skitouren-Trainings. Wir versuchen uns an der anspruchsvolleren (schwarzen) Aufstiegsroute 2, der so genannten Cappuccino Route – und ich stoße erneut an meine Grenzen! Aber ich bin nicht der einzige. Zu Beginn der 2,5 Kilometer langen Etappe hinauf zum Café 3440 sind wir noch zu acht. Am Ende sind es nur noch Burkhard, Franz und ich, die sich der Aufgabe überhaupt erst stellen. Entlang der schwarzen Piste quälen wir uns hinauf – der Rest der Gruppe hat schon früher aufgegeben, um noch ein Käffchen zu trinken. Die haben alles richtig gemacht…

Aus meiner Sicht sollte die Tour nicht Cappuccino sondern eher Stroh-Rum oder Yak-Milch Route heißen, so zornig ist das steile Gelände. Mit einer Kaffeefahrt hat das definitiv nichts zu tun. Mein Puls rast seit über einer Stunde mit gefühlten 200 Schlägen und alle zehn Schritte muss ich eine Pause zum Verschnaufen einlegen. Das ändert sich auch nicht, als das Gefälle auf der Zielgeraden deutlich geringer wird. Die Höhe macht mich fertig und ich verfluche meine flache Heimatstadt. Die Liste der Erhebungen in Berlin (der Begriff Berg wäre doch etwas übertrieben) umfasst natürliche Hügel und künstliche Aufschüttungen. In meinem Trainingsgebiet, dem Volkspark Friedrichshain, stehen gleich zwei solcher unnatürlichen „Riesen“ an denen ich meinen Puls trainieren kann: der große und der kleine Bunkerberg messen stolze 78 beziehungsweise 67 Meter. Nicht ganz die Höhe, die mir in den Tiroler Alpen weiterhilft…
Nach gut 1,5 Stunden erreiche ich ausgepowert mein Ziel und dampfe dabei aus allen Poren. Nach Cappuccino ist mir nicht. Eher nach einer riesigen Apfelschorle oder irgendetwas mit Zucker. Das kann ja lustig werden, wenn es morgen noch einmal 350 Meter höher hinaus gehen soll!

Wie wird das Wetter?

Der nächste Tag beginnt mit dem obligatorischen Gang zum Balkon – beziehungsweise einem kritischen Blick in den Himmel. Den leichten Schneefall nehme ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Die Chance, den Gipfel der Wildspitze heute wirklich zu besteigen, schätze ich verhältnismäßig gering ein – was natürlich schade ist. Andererseits bedeutet das auch, dass meine müden Beine heute weniger Höhenmeter steigen und stattdessen einige Abfahrten mehr machen können. Doch was nutzen meine Spekulation? Am Ende wird unser Bergführer entscheiden, was bei den heutigen Bedingungen Sinn macht und was nicht.

An der Talstation werden wir mit einem breiten Grinsen von Raphael Eiter empfangen. Er ist ein echtes Pitztaler Original und unser Guide für den heutigen Tag. Als Inhaber der Alpin- und Freeride-Akademie und Leiter der lokalen Bergführer-Vereinigung stand er schon zig Mal auf allen umliegenden Gipfeln. Als Initiator des Pitztaler Wildface, einem der härtesten Freeride Wettbewerbe der Welt, ist er zudem nicht nur aufstiegs- sondern auch abfahrtsorientiert. „Pieps, Schaufel und Sonde habt ihr, oder? Steigeisen und Klettergurte habe ich. Fahren wir erst mal rauf und entscheiden Oben, ob wir die Wildspitze oder was anderes Lustiges mit ein wenig Kletter-Action machen…“

Anhaltender leichter Schneefall, mittelmäßige Sicht, -20° Celsius und Wind, der mit 40 km/h über den Gipfel pfeift, sind am Ende ausschlaggebend, dass wir heute nicht die Wildspitze in Angriff nehmen. Stattdessen stapft Raphael mit uns in Richtung Rechter Fernerkogl. Ob wir an diesem Morgen die Einzigen auf dieser Route sind, ist schwer zu sagen. Die Sicht reicht nur wenige Meter. Abgesehen von unseren farbigen Funktionsklamotten ist alles weiß. Nach gut 1,5 Stunden zeichnet sich auf unserer rechten Seite eine Felskette ab. Da sollen wir rauf, frage ich mich? In einem großen Bogen umrunden wir die Ausläufer des Berges, bis es so steil bergauf geht, dass die Felle kaum noch greifen und wir einen Sicherheitsabstand von 25 Metern einhalten sollen. Einige von uns machen die letzten Meter bis zum Grad dann nur noch mit geschulterten Ski – wenn der lockere Schnee jedoch bis zur Hüfte reicht, ist das jedoch auch nicht viel komfortabler. Letztendlich erreichen wir aber alle den Bergkamm und stärken uns kurz mit einer Tasse dampfendem Tee. Lange währt die Pause an diesem windigen Plätzchen nicht, schließlich wollen wir höher hinauf. Wie das klappen soll beziehungsweise wo der Weg entlang führt, ist mir noch schleierhaft. Raphael scheint jedoch einen Plan zu haben. Er knüpft eifrig irgendwelche Knoten in ein langes Seil, dann überprüft er unsere Klettergurte und nimmt einen nach dem anderen an die Leine. Auf geht’s, immer den Grad entlang in Richtung Gipfel! Nach 40 Metern lassen wir unseren ersten Skistock zurück, 200 Meter später dann den zweiten. Ab jetzt wird geklettert, in Skischuhen. Über schneebedeckte Felsen! Holy Shit!

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

Wie wir es bei diesen Bedingungen nach oben schaffen, bleibt mir bis heute ein Rätsel – doch unsere Seilschaft kommt tatsächlich am Gipfel an. Ungläubig, überrascht, erschöpft und glücklich! Wir klopfen uns ermutigend auf die Schultern, gratulieren uns, dass wir noch leben und scherzen, dass es jetzt ja nur noch runter geht. Ein Kinderspiel…

Hinauf habe ich die Nachhut gebildet, hinab soll ich nun vorgehen. Sich aufrecht und tendenziell mit dem Gewicht nach vorn verlagert zu bewegen mag zwar recht einfach klingen, für einen an Höhenangst leidenden Berliner im hochalpinen Gelände ist das allerdings eine Herausforderung. Ohne den Zug meines Hintermanns wäre ich tausend Tode gestorben. Mit Seil und dem Vertrauen in Rapha und die Crew-Mitglieder fällt es mir jedoch leichter als gedacht. Vielleicht ist es aber auch die Vorfreude auf die bevorstehende Tiefschnee-Abfahrt, die mich frohen Mutes vorantreibt. Mit den Ski unter den Füßen cruisen wir schließlich genüsslich hinab ins Tal. Der Neuschnee ist einfach der Wahnsinn.

Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal
Wirklich keine Kaffeefahrt – Skitouring im Pitztal

Let it snow

Es schneit übrigens noch bis zum nächsten Morgen weiter, so dass ich gemeinsam mit Kumpel Franz selbst in niedrigeren Lagen (ganz ohne Aufsteigerei) noch jede Menge Spaß im Power habe – auch wenn so manch eine Tanne einfach nicht ausweichen will! Tage wie dieser sind der Grund, warum ich eine 850 Kilometer lange Autofahrt von Berlin in die Alpen jederzeit gerne in Kauf nehme, um dann jede Minute Out Of Office in vollen Zügen zu genießen! Die Wildspitze bleibt zwar weiterhin ein weißer Fleck auf meiner Karte, doch habe ich somit einen guten Grund, das Pitztal ein weiteres Mal zu besuchen. So ein Pech aber auch!

Dieser Artikel beruht auf einer Einladung zu einer Pressereise, unterstützt vom Tourismusverband Pitztal. Er spiegelt jedoch uneingeschränkt meine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse wieder.
Mehr Infos zum Ski- und Skitouring-Gebiet sowie zum DYNAFIT Skitourenpark Pitztaler Gletscher findet ihr hier: www.pitztal.com

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