St. Anton, Österrreich 

Winterklettern in St. Anton

29. März 2017

eieiei, nun stehe ich hier auf dem Riffelgrat hoch über St. Anton, die Ski auf dem Rücken, links und rechts geht es steil bergab. Zwar werde ich die meiste Zeit durch mein Klettersteig-Set gesichert sein, es gibt aber auch immer wieder Stellen an denen wir uns von dem Stahlseil des Klettersteigs ausklinken müssen. “Free Solo” scherzt Wolfgang, dem die Höhe nicht das geringste auszumachen scheint. Ich hingegen bewege mich wie ein zittriger Greis, dem die Gehhilfe geklaut wurde. Doch blicken wir kurz zurück…

Vor gut zwei Wochen hörten wir zum ersten mal von Tirols einzigem Winterklettersteig am Arlberg. Der hochalpine Drahtseilakt führt 850 Meter entlang des Riffelgrats zur vorderen Rendlspitze auf 2.816 Metern und weiter bis zur Rossfallscharte auf 2.732 Metern. Wer den Weg meistert, kann sich neben grandiosen Ausblicken auf einen Freeride Run der Extraklasse freuen. Oooyeah, das klang verdammt gut – das bißchen Klettern werde ich wohl noch schaffen. Der Entschluss, diese Saison ein weiteres Mal den Arlberg zu besuchen, war schnell gefällt. Mein letzter Trip ist zwar noch nicht lange her, zum Opening im Dezember besuchte ich die Snow & Safety Conference, doch kann man von diesem Skigebiet einfach nie genug bekommen! Am Donnerstag Abend richtete ich mein E-Mail Autoreply auf “Out Of Office” ein, lud mir eine Offline-Map des Skigebiets auf mein Handy, setzte mich in den Wagen und stand am Freitag vormittag um 10:30 Uhr an der Liftstation. Ein grandioser Tag auf und neben den Pisten lag vor mir…

Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton
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Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton

Ready to Rumble

Dann ist es soweit. Sonntag früh treffe ich Bergführer Wolfgang von der Skischule Arlberg an der Talstation der Rendlbahn. Er fragt nach meiner Gemütslage, meiner Erfahrungen mit Klettersteigen, Off-Piste-Fahren, Skitouring und meinem Fitnesslevel, überreicht mir dann ein Klettersteig-Set, checkt die Gummisohle meiner Skischuhe, kontrolliert mein LVS Equipment sowie die Tauglichkeit meines Rucksacks – dann geht es los, hinauf zur Riffelscharte. Laut Wettervorhersage werden wir am Vormittag noch mit Sonnenschein beglückt, ab Mittags soll es sich zuziehen. Um nicht “im Dunklen” hinunter fahren zu müssen, fackeln wir am Ausgangspunkt des Klettersteigs angekommen nicht lange, zurren Ski und Stöcke am Rucksack fest und stapfen dem blanken Fels entgegen. Abgesehen von einem ausgewachsenen Muskelkater in den Oberschenkeln (88 km durch Firn und Sulz am Vortag merkt man dann doch) fühle ich mich sehr gut. Ich habe einfach Lust, mich diesem Abenteuer zu stellen und meiner ausgeprägten Höhenangst die Stirn zu bieten. Außerdem freue ich mich riesig auf die belohnende Abfahrt fernab der primär holländischen Ski-Touristen auf den Pisten. Wolfgang strahlt solch eine innere Ruhe und Gelassenheit aus, dass sich mein durch Höhenangst bedingtes Grummeln im Bauch sehr in Grenzen hält. Ein letzter prüfender Blick, dann klinken wir uns in das Stahlseil ein und kraxelten aufwärts.

Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton
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Winterklettern in St. Anton
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Fight the Fear

Es gehört zum Leben dazu, dass man neue Dinge ausprobiert und dabei die Komfortzone verlässt. So auch heute. Da ich mir meiner Höhenangst sehr bewusst bin, hatte ich mir bereits vor diesem Trip auf einer Website einige Strategien zur aktiven Bekämpfung derselbigen durchgelesen – mehr oder weniger erfolgreich!

1. In Bewegung bleiben.

“Körperliche Entspannung und Erschöpfung lassen sich scheinbar physiologisch schlecht mit einer Angstreaktion vereinbaren. …”Wenn ich hier oben etwas mache, dann mich bewegen. Das sollte also helfen.

2. Sich mit der Angst konfrontieren.

“Der Weg aus der Angst führt direkt durch sie hindurch! Wer auf Grund übertriebener Befürchtungen eine Situation oder ein Objekt meidet, wird die Angst am schnellsten los, wenn er sich stattdessen mit ihr konfrontiert. Der Betroffene lernt auf diese Weise, dass die Situation oder das Objekt harmlos ist. Das kostet viel Überwindung, baut aber nicht nur Ängste ab, sondern stärkt auch das in der Regel angegriffene Selbstbewusstsein. … Die Konfrontation wirkt aber oft am besten, wenn man sich gleich dem schlimmsten denkbaren Szenario stellt. … ” Genau meine Strategie. Hoffentlich wird die nächste hochalpine Tour dann ein Spaziergang!

3. Ängste hinterfragen.

“Befürchtungen und katastrophisierende Gedanken versetzen den Körper in Alarmzustand. Betroffene sollten diese so genannten Kognitionen so detailliert wie möglich ergründen: Was genau fürchten sie? ” Tod durch Absturz!
Wie realistisch ist es, dass ihre Befürchtungen zutreffen?” Aus meiner Sicht durchaus realistisch!
Was könnte alternativ auch passieren – und wie wahrscheinlich wäre das?” Tod durch Erfrieren (eher unrealistisch), Tod durch herabstürzende Felsbrocken (auch eher unrealistisch), Tod durch Yeti-Angriff (wer weiß)…

4. Sich in Gelassenheit üben.

“Akzeptanzorientierte Verfahren lehren, nicht gegen die Angst anzukämpfen, sondern alle Symptome wertfrei zu beobachten. Meditation und Achtsamkeitsübungen können helfen, diese innere Gelassenheit einzuüben. …”
Ich bin die Ruhe selbst. Fast. Mein Begleiter ist allerdings richtig gelassen und das hilft mir wirklich. Auch der Dialog mit ihm. An mancher Stelle versucht er, mich mit Auskünften über die umliegenden Berge abzulenken, an anderer Stelle sichert er mich kurz über ein Seil und stapft trittsicher voran. Ohne Mist, ich bin froh, dass Wolfgang dabei ist!

Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton

Geschafft!

Nach gut 2,5 Stunden sind wir am Ziel. Vor uns erstreckt sich eine einsame, nahezu unberührte Winterlandschaft. Nach links führt die Route ins Malfontal nach Pettneu, zu unserer Rechten führt die Route über die Rossfallalpe und durch das Moostal wieder zurück nach St. Anton. Schweißgebadet, aber glücklich schaue ich zurück auf die zurückgelegte Strecke. Jetzt, mit der nötigen Distanz, sieht es gar nicht mehr so wild aus. Klettertechnisch war es keine große Challenge, wenn da nur nicht das Kopfkino wäre. Wolfgang klopft mir grinsend auf die Schultern. “Jetzt kommt der schöne Teil für dich”. Oh ja, wie recht er damit hat. Ich habe meinen Ängsten ins Auge geschaut – stolz setze ich an zum ersten Schwung hinab ins Tal…

Winterklettern in St. Anton
Winterklettern in St. Anton

Dieser Artikel beruht auf einer Einladung nach St. Anton am Arlberg durch den lokalen Tourismusverband. Er spiegelt jedoch uneingeschränkt die Eindrücke und Erlebnisse des Autors wieder.
Mehr Infos zum Skigebiet sowie zur Skischule und Bergführern findet ihr hier: www.skiarlberg.at und unter www.stantonamarlberg.com

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