Neufundland, Kanada 

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

18. August 2018

Wenn du Neufundland besuchst, besuchst du eine Küste. Denn die Coastline ist es, die das Leben der Menschen prägt. Sie bietet Nahrung, Jobs, bestimmt den Alltag, das Wetter, das Gemüt – alles ist abhängig von der wilden Natur des Nordatlantiks und der Schönheit und der Gewalt, mit der sie das Land formt…

Wie beinahe alle Besucher, die auf der Insel Neufundland (an-)landen, beginnen auch wir unsere Entdeckungsreise durch die östlichste Provinz Kanadas in der Hauptstadt St. John’s. The big City, wie sie von den Locals genannt wird, erscheint auf den ersten Eindruck alles andere als riesig, vielmehr erinnert sie uns an eine kleine, typisch nordeuropäische Hafenstadt wie Reykjavik, Tromsø oder Tórshavn: mit vielen bunten Holzhäusern und lautem Möwengekreische. Klingt schön – ist schön!

Viel mehr als das können wir von St. John’s dann aber auch erst einmal nicht erkennen. Neben den Möwen erklingt in regelmäßigen Abständen das dumpfe Signal eines Nebelhorns in der Ferne. Die Wolken hängen tief, ein weißer Dunst zieht durch die Straßen. Von unserem Hotelzimmer aus können wir den Hafen nur erahnen, dabei ist dieser (eigentlich) nicht zu übersehen. Das Wetter – es gehört zum Leben an der Küste, in jeder Form – und zu Neufundland sowieso…

Wetterkapriolen

Wir lassen uns vom Nebel nicht aufhalten und erhoffen uns einen besseren Überblick von oben! Der historische Signal Hill ist fußläufig vom Stadtzentrum aus erreichbar. Bei gutem Wetter hat man von dort einen tollen Blick über St. John’s und den imposanten Naturhafen, der einst eine riesige Flotte von Fischerbooten beherbergte. Heute spielt Fischerei zwar nach wie vor eine gewisse Rolle, die „goldenen Zeiten“ des Kabeljaus sind jedoch vorbei. Zu viel wurde aus dem Meer gefischt, zu viel um ein intaktes Zusammenleben von Mensch und Natur langfristig zu gewährleisten. Auch wenn das strikte Fangverbot in den 90er Jahren kurzfristig katastrophale wirtschaftliche Folgen für die Bevölkerung Neufundlands hatte, heute profitiert die Provinz von der sich regenerierenden Natur und einem Ozean, der inzwischen wieder unzählige hungrige Mäuler zu Lande, zu Wasser und in der Luft versorgt.

Rund um den Signal Hill lädt ein schmaler Pfad zu einem Spaziergang entlang der Küste ein. Und als hätte Neptun (oder Petrus?) unsere Stoßgebete mit einem Mal erhört, beginnen sich Dunst und Nebel just in dem Moment zu lichten, als wir gerade losmarschieren wollen. Die Sonne bricht hervor und der raue Nordatlantik zu unseren Füßen funkelt plötzlich tiefblau und verlockend. Wir beginnen zu ahnen, dass die Küsten von Neufundland noch die eine oder andere Überraschung für uns bereithalten… Und wir sollten Recht behalten!

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Flying Potatoes

Wenige Tage später verlassen wir St. John’s zu früher Stunde gen Süden, um den so genannten „Irish Loop“, eine in Summe über 300 Kilometer lange Küstenstraße entlang der Avalon Peninsula, abzufahren – oder anders ausgedrückt: 300 Kilometer atemberaubende Küsten-Panoramen mit türkisblaue Buchten und riesigen Kolonien von Seevögeln. Katharina schwant böses: „Henryk, wir müssen bereits um 8:30 Uhr bei O’Brien’s Whale and Bird Tours sein. Wenn du jetzt alle zwei Kilometer anhältst, um Fotos zu machen, schaffen wir das niemals…“ Ich weiß natürlich, dass ich mich besser beeilen sollte – doch bin ich einfach zu begeistert von den Ausblicken hinter jeder neuen Kurve. Neufundlands Küstenlinie hat mich schon jetzt völlig in ihren Bann gezogen.

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Irgendwie schaffen wir es aber doch pünktlich zum Boots-Anleger in Bay Bulls. Dass wir auf dem dreistündigen Schiffsausflug durch das Witless Bay Ecological Reserve auch Mink-, Buckel-, Grind- oder Schwertwale sehen werden, kann uns Skipper Garry nicht versprechen, auch wenn die Chancen eigentlich ganz gut stehen. Papageientauscher und andere Seevögel sehen wir aber mit Sicherheit. Wir erfahren, dass rund um die kleinen Inseln vor uns am Horizont die größte Puffin-Kolonie Nordamerikas lebt. Über eine halbe Million der lustigen kleinen, dicken Vögel kommen jedes Jahr hier her, um Nester zu bauen. Neben ihnen nisten Sturm-Schwalben, Trottellummen, Tordalk Paare, verschiedene Möwen und diverse andere Vögel, deren Namen wir noch nie zuvor gehört haben. In Summe bevölkern rund vier Millionen Seevögel die hiesige Küste!

Lieblinge der Herzen bleiben aber die drolligen kleinen Puffins. Garry wird nicht müde, uns in einer Tour zu erzählen, was er über die liebevoll „Flying Potatoes“ genannten Papageientaucher weiß. Zu welcher Gattung sie gehören, was sie fressen, wie sie jagen, welche Färbung ihre Eier haben und und und. Bei dem nicht abreißenden Informationsschwall schalte ich irgendwann ab und schaue stattdessen fasziniert über die Bugwelle auf den Atlantik: Das wahre Wunder spielt sich für mich in der Luft ab. Unfassbar, dass die unzähligen dunklen Punkte alles Vögel sind…

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Wer (wie ich) einfach nicht genug von den „fliegenden Kartoffeln“ bekommen kann, sollte einen weiteren tollen Spot im Norden Neufundlands besuchen: die Elliston Puffin Viewing Site. Fernglas oder Teleobjektiv sind hier überflüssig. Ich setze mich auf die Klippen und die neugierigen Vögel watscheln nur zwei, drei Meter entfernt vor mir herum, schauen etwas irritiert, schnäbeln untereinander und heben dann ab zu einer weiteren Flugrunde über das Meer, um sich den Bauch mit Fisch vollzuschlagen. Ich sitze eine gefühlte Ewigkeit an diesem  einzigartigen Ort…

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Coastal BBQ

Nicht nur die Papageientaucher sind scharf auf Fisch – ich bin es auch. Und die mit Abstand lässigste Art diesen zuzubereiten ist ein Neufundländisches „Boil Up“.
Am Strand von Bonavista treffen wir Bonnie und Jordan von Bonavista Adventure Tours, die uns in die Kunst des Boil Up einführen. Noch haben wir keine Ahnung, was uns kulinarisch erwartet, doch allein die Tatsache, dass es in Neufundland eine Tradition ist, mit der Familie oder Freunden gemeinsam am Strand das Essen über dem Lagerfeuer zuzubereiten und dabei aufs Meer zu schauen, finde ich großartig.

Während wir gemeinsam die Ladefläche von Jordans Pick Up entladen und Feuerholz, Töpfe, Pfannen, Decken und Kühlboxen an den Strand tragen wird schnell klar, dass heute mehr passieren wird als nur Burger Patties auf den Einweggrill zu schmeißen. Sobald das Holz brennt, setzt Bonnie erst einmal Teewasser auf  (klar, Neufundland war vor gar nicht allzu langer Zeit noch Britisch und bis heute bleibt immer Zeit für einen Tee). Dem folgt ein großer Topf mit Wasser „für den Starter“. Es gibt Muscheln, oooyeah. Zum Zwischengang dürfen wir dann vorgekochtes Elch-Ragout probieren, bevor schlussendlich Sardinen auf das Grillrost geworfen werden…
Das erste Sättigungsgefühl hat sich bereits eingestellt (vorrausschauende Portionierung funktioniert bei Seafood einfach nicht), als noch Cod Cheeks – ein Art Fischfrikadelle bestehend aus Kabeljau, Kartoffeln, Zwiebeln und Gewürzen – in die Pfanne geschmissen werden. Und als abschließendes Highlight folgt dann noch frische Atlantikkrabbe. Yummy, ich bin im Himmel!

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Oh ja, es geht uns sehr gut an diesem Nachmittag! Während wir gemütlich in der Sonne sitzen und schlemmen kommen immer wieder Menschen an den Strand, schauen aufs Meer und fragen uns, ob die Sardinen schon da sind. Ich bin irritiert. Die Sardinen liegen doch bereits auf dem Grill. Oder wo sonst sollen sie sein?

Dass die Frage durchaus berechtigt ist und man die riesigen Fischschwärme, wenn es soweit ist, „aus dem Meer pflücken“ kann, erleben wir wenig später bei einer Fahrt zum Leuchtturm von Bonavista. Menschen schleppen eimerweise Sardinen zu ihren parkenden Autos. In einer kleinen Bucht steht ein Mann mit Gummistiefeln im Wasser, um ihn herum glitzert und spritzt es im Wasser. Tausende kleine silberne Fische springen ihm beinahe entgegen – direkt hinein ins Netz. Happy Hour in Neufundland!

Sea of whales

Wer entlang Neufundlands Küsten reist, der kommt an einem weiteren Phänomen in keinem Fall vorbei. Wale sind DAS allgegenwärtige Thema. Aber mit den Tierbeobachtungen ist das ja immer so eine Sache. Hat man erst etwas Tolles, Fremdartiges einmal gesehen, verliert es recht schnell an Reiz. Ich erinnere mich noch an unsere erste Safari in Südafrika. Man, waren wir aufgeregt, als wir das erste Warzenschwein, den ersten Springbock oder das erste Zebra in freier Wildbahn gesichtet haben. Nach 14 Tagen hieß es dann nur noch: „Weck mich, wenn du einen Löwen siehst. Aber nur wenn er jagt oder Junge dabei hat“…

Auch Whalewatching haben wir schon mehrmals gemacht. Aus Kalifornien sind uns dabei neben dem mächtigen Orca vor allem die seekranken Mitreisenden gut in Erinnerung geblieben. Eigentlich dachten wir, dieses Erlebnis (also die Orcas, nicht die Seekranken) wäre nicht mehr zu toppen. Falsch gedacht!
Denn stellt euch vor, ihr steht am Strand. Sonnenuntergang. Es ist zwar etwas frisch aber total romantisch – um nicht zu sagen mächtig kitschig. Immer wieder schießen die Tölpel wie Torpedos vom Himmel ins Wasser hinein, tauchen auf, drehen eine neue Runde und starten einen weiteren Angriff auf die Fischschwärme im kühlen Atlantik. Dann plötzlich – weniger als zehn Meter von der Wasserkante entfernt macht es auf einmal „Zisch“ und „Puff“, gefolgt von schwarzen Bergen, die aus dem Wasser emportauchen, sich behäbig in den Himmel schieben und dann mit lautem Getöse auf die Wasseroberfläche krachen, bevor sie wieder in den Tiefen verschwinden. Buckelwale beim Abendbrot. Direkt vor euer Nase. Welcome to Newfoundland!

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Der Strand von St. Vincent’s ist einer der besten Spots, um Buckelwale so nah zu beobachten. Hier fällt das Meer gleich hinter dem Strand tief ab in einen Meeresgraben, so dass die Tiere quasi vor eurer Nase fressen können ohne Gefahr zu laufen, von der Brandung an Land gespült zu werden. Abends sind die Chancen Wale zu sehen übrigens besonders groß und wie wir von den Locals erfahren, sind einige Tiere sogar das ganze Jahr vor Ort.

Unsere zweite unfassbare Begegnung haben wir nur wenige Tage später an der Küste vor Trinity. Wir sind unterwegs mit Chris, dem „Whale Wisperer„. Chris ist der Inhaber von Sea of Whales Adventures und fährt seine Gäste, gut eingepackt in überdimensionalen Thermo-Einteilern, mit seinem flotten Zodiac Boot hinaus auf den Atlantik. Mit dem Zodiac ist er flexibler und schneller als die dicken Ausflugs-Kähne in anderen Buchten.

An diesem Nachmittag haben wir den Jackpot gezogen: Die Sonne scheint, es ist windstill. Wie viele Wale unmittelbar vor, neben und hinter unserem Boot schwimmen, kann ich nicht mehr zählen. Es sind eine Menge. Wir sehen Minkwale und Buckelwale bei der Jagd, eine ganze Buckelwal Familie und zum krönenden Abschluss noch ein verspieltes Jungtier – in etwa so groß wie ein VW Bus – welches einen Satz nach dem anderen macht.

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste
Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Wenn du Neufundland besuchst…

… besuchst du eine Küste! Und so viel mehr als das. Du reist in eine eigene Welt, in der die Gezeiten und das Wetter einer eigenen Logik folgen. Eine Welt, die so vielen faszinierenden Lebewesen gleichzeitig einen Lebensraum bietet. Eine Welt, in der der Mensch nur einen ganz kleinen, beinahe unbedeutenden Platz einnimmt. Aber dieser Platz ist ein ziemlich schöner…

Trinity, der Ort an dem Chris sein Boot liegen hat, ist eines dieser ganz wunderbaren Fleckchen Erde. Genauso wie die kleine Insel Fogo im Norden Neufundlands. Noch mehr Küste, noch mehr Geschichten. Aber für heute soll es reichen. Mehr über Trinity und Fogo Island – erfahrt ihr ganz bald…

Neufundland – oder die Einzigartikeit der Küste

Hinweis: Der Besuch in Neufundland erfolgte im Rahmen einer individuellen  Recherchereise. Dieser Artikel basiert auf einer Einladung, spiegelt jedoch uneingeschränkt die Meinung des Autors wieder. Weiterführende Infos rund um Neufundland & Labrador findet ihr auch hier:www.newfoundlandlabrador.com

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