Island – Gastbeitrag 

Irres Island – alles „huh“ oder was?

31. Oktober 2017

Wenn man gleich drei Mal auf dem Weg vom Flughafen Keflavik zum Appartement in Reykjavik von Einheimischen gesagt bekommt, dass das Wetter ungewöhnlich gut sei, dann muss es wirklich ungewöhnlich gut sein.

Auf seiner ersten Reise durch Island erlebt Jan weit mehr als nur gutes Wetter – ein Gastbeitrag über einen kurzen Ausflug in eine andere Welt.

Blauer Himmel, ein laues Lüftchen und satter Sonnschein bis kurz vor Mitternacht sind definitiv nicht an der Tagesordnung in Island. Zumal die Insel offiziell damit wirbt, auf Platz 3 der windigsten Orte der Welt zu sein. Zudem fallen die Isländer durch ihre Einsilbigkeit auf, weshalb ihnen der meteorologische Hinweis, den sie mir unentwegt geben, sehr wichtig zu sein scheint. Ich erinnere mich an die isländischen Fans bei der EM 2016, die es mit ihrer Einsilbigkeit bis zum Kultstatus geschafft haben: Statt „Oleoleeolee“ oder „Schalalalala“ sangen sie einfach nur: „Huh“!

Willkommen in den kanarischen Alpen!

Ja, „huh“ ist so einiges in und auf Island. Und wenn ich vor meinem Trip fast gar nichts über Land und Leute wusste, dann habe ich nach vier Tagen nun einen ganzen Sack irrer Klischees mitgebracht, die ich mir zuvor nicht hätte träumen lassen. Mein erster Eindruck auf der rund 50 minütigen Fahrt vom Flughafen in die Hauptstadt – bei ungewöhnlich gutem Wetter wohlgemerkt – ist: Da hat sich eine kanarische Lavainsel in die Alpen verirrt. Am Straßenrand geröllartige Steppe, im Hintergrund schneebedecktes Bergpanorama. Spektakulär. Architektonisch sind die Gebäude am Wegesrand im skandinavischen Stil gehalten. Holz mit Flachdach oder Betonkuben. Was auch noch auffällt, sind die ungewöhnlich vielen Monstertrucks auf der Straße. Also die, die Reifen mit einem Durchmesser von 1,50 Meter haben. So viele Monstertrucks habe ich sonst noch nirgendwo zuvor gesehen. Meine Reisegefährte Matthias und ich mutmaßen, dass seit dem Vulkanausbruch 2010 ein Drittel der isländischen Straßen verschüttet sind und man ohne Monstertruck sonst einfach nicht mehr durchkommt. Auch die vielen Werksschutz- und Sicherheitsfahrzeuge mit der Aufschrift „Lögreglan“ erregen unsere Aufmerksamkeit. Haben die denn hier keine Polizei, kein Militär? Später stellt sich heraus, dass Island tatsächlich kein Militär hat, obwohl 1949 Gründungsmitglied der NATO.  Aber ich will nicht vorgreifen…

Irres Island – alles „huh“ oder was?

Die Sache mit den Kronen

Ein Kaffee macht 4.80 Euro. Kein Kännchen, kein Jumbobecher, kein Jamaika Blend – eine einfache Tasse Kaffee in einem einfachen Café. Die Preise in Island sind ziemlich irre oder einfach nur „huh, huh, huh“. Die setzen dem Schweizer Franken glatt die Krone auf, nämlich die isländische. Hier ist wirklich gar nichts billig. Die Dose Cola im Supermarkt für 98 Cent oder in der Durchschnittspizzeria die Durchschnittspizza über 20 Euro (ohne Avocado oder Ananas) führen uns am ersten Abend vor Augen, dass das verdammt teure Tage werden. Immerhin kann man alles und überall mit Kreditkarte bezahlen. Nur einmal streikt die Bezahl-App für den Linienbus (aber eine liebenswerte Russin lädt uns ein) und Drehkreuze bei öffentliche Toiletten nehmen nur einheimische Münzen statt universellem Plastik (dann halt drüber springen). Bei unserem ersten, sündhaft teurem, aber verdammt leckeren Abendessen entsteht auch meine neue Leidenschaft für Skyr. Zuhause im Supermarkt Regal hatte mich diese fettarme Frischkäsezubereitung bislang absolut kalt gelassen, aber beim Menü im Restaurant Matur og Drykkur entdecke ich: Skyr schmeckt toll. Egal ob als Vorspeise oder Dessert. Kaufe ich tatsächlich im Supermarkt jetzt regelmäßig.

Einmal durch Reykjavik tanzen

Die Bar- und Klubkultur in Reykjavik finde ich extrem angenehm. Endlich ein Ort ohne die üblichen Touri-Fallen. Hier mischen sich Besucher und Isländer kunterbunt durcheinander. Die Ausweiskontrolle vor dem Húrra irritiert uns zwar etwas, aber Türsteher Benedikt, im Gegensatz zu seinen Landsleuten eine wahre Plaudertasche, erklärt uns die Unsitte einiger Isländer, ihren Ausweis minderjährigen Geschwistern oder Freunden zu borgen, damit die Teens in die Clubs kommen. Deshalb 100% Kontrolle aller Gäste. Ich stelle mir vor, wie mein minderjähriger Bruder mit meinem Ausweis im Club feiert, ich aber nicht reinkomme, weil ich mich nicht ausweisen kann. Schon ziemlich blöd und ärgerlich. Außerdem lerne ich, das „Lögreglan“ auf Isländisch schlichtweg „Polizei“ heißt. Es gibt also eine europäische Sprache, in der die Hüter des Gesetzes nicht mit „Po“ anfangen, huh.

Dass es sich bei der Kikki Bar um einen Queer Club handeln soll, erfahren wir übrigens erst, als wir morgens um 4 Uhr nach Hause wanken – nachdem wir stundenlang zu Pop, Disco und Rock mit lauter netten Menschen abgetanzt haben. Wahrscheinlich sind wir aber mit unserem extrovertiertenTanzstil für ein Schwulenpärchen gehalten worden.

Von großen Machern und kleinen Würstchen

Nach einem kleinen Frühstück im Reykjavik Roasters am nächsten Morgen geht’s auf Stadterkundung. Beim Spaziergang durch die City von Reykjavik setzen sich Holz, Stein und Beton fort. Das älteste Haus sieht gar nicht so alt aus, das Rathaus ist schräg und das Parlament Islands irgendwie mystisch schnuckelig. Besonders beeindruckt mich das gläserne Konzerthaus am Meeresufer. Im ersten Moment denke ich an eine Bausünde und verschwendete Steuermillionen, aber auf den zweiten und dritten Blick ist die Architektur im 70er-Jahre Stil ziemlich faszinierend. Vor allem von Innen. Dafür ein HUH+.

Zum Pflichtprogramm gehört auch der Besuch bei Bæjarins Beztu Pylsur, einer der angeblich besten Imbissbuden der Welt. Hier heißt das Hotdog Würstchen “Pylsa“, wird in Bier gekocht und mit Soße nach Geheimrezept serviert. Huh, die Warteschlange anderer Pflichtprogramm bewussten Touris beträgt 20 Meter, aber bei dem super Wetter kein Problem. Nach dem Geschmackstest kommt aber postwendend das Fazit: absolut überbewertet! Schmeckt nicht besser als bei IKEA in Köln-Bickendorf, ist aber dreimal so teuer.

Das nächste Highlight hingegen ist die Hallgrímskirche. Ein ungewohnt stylisches, expressionistisches Gotteshaus. Da Matthias und ich schon seit vielen Jahren den Fetisch haben, unterwegs auf einen Turm zu klettern (oder mit dem Lift hochzufahren), um den Ausblick zu genießen: Hier lohnt es wirklich. Vor allem bei dem ungewöhnlich gutem Wetter. Vor der Kirche wacht eine Statue von Islands wohl berühmtesten Sohn: Leif Eriksson, Seefahrer und Amerikaentdecker. Vergeblich haben wir allerdings nach einer Skulptur von Islands wohl berühmtester Tochter gesucht. Aber ich bin mir sicher, dass schon bald irgendwo eine Statue von Björk eingeweiht wird.

Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?

Wenn der Minister mit der Rockband…

Abends geht es mit dem Bus nach Kópavogur, einen Vorort von Reykjavik. Was es da zu erleben gibt? Stellt euch folgende Situation vor: Der Bundesgesundheitsminister rockt mit seiner Heavy Metal Band in einer Mehrzweckhalle. Und dazu „moscht“ Bundespräsident Steinmeier im Pulk vor der Bühne. Huh? In Island Realität! Óttarr Proppé ist Sänger der Band Ham (klingt wie AC/DC trifft Unheilig) und nebenbei Gesundheitsminister Islands – oder umgekehrt. Und bei Hams Konzert poged Staatspräsident Guðni Jóhannesson in der ersten Reihe. Das ist derselbe Präsident, der Anfang 2017 gesetzlich Ananas als Pizzabelag in seinem Land verbieten lassen wollte. Zeitlich verhindert beim Gig war übrigens Ministerpräsident Bjarni Benediktsson, besser bekannt durch seine Verwicklung in die Panama Papers sowie als Kunde einer Seitensprungagentur. Bei der Aftershowparty zusammen mit Rammstein in der Rockkneipe Gaukurinn war Bjarni dann aber dabei. NEIN, ich denke mir das NICHT aus! Keine Fake News! Aber wer es nicht glaubt, kann es gerne im Internet nachrecherchieren. Huh!

Von goldenen Ringen und der Mutter der Drachen

Viereinhalb Stunden später stehe ich schon wieder parat. Einen „Tag voller Überraschungen“ hat mir Matthias versprochen, zu dem ich festes Schuhwerk und einen Führerschein mitnehmen solle. Erste Überraschung: Ein Monstertruck hält an. Wir steigen ein und los geht es auf die Inseltour „Goldener Ring“. Unser Fahrer und Tourguide Ron reiht sich ein in die Reihe lakonischer Isländer. Von Türsteher Benedikt hätten wir mehr erfahren. Aber so verpassen wir auch nichts, als wir auf der einstündigen Fahrt bis zum ersten Stop etwas Schlaf nachholen.

An der Haltestelle Nationalpark Thingvellir stehen die Busse und Monstertrucks bereits Schlange. Aber in der Schlucht, in der europäische und amerikanische Kontinentalplatte aufeinanderstoßen, verlaufen sich die Besuchermengen glücklicherweise. Ich freue mich über mein festes Schuhwerk, denn das britische Hipster-Pärchen aus unser kleinen Reisegemeinschaft muss mit Flip-Flops durchs Gelände. Ja, das ist schon eine krasse Landschaft. Wie aus „Game of Thrones“. Ach, das wurde tatsächlich hier gedreht? Na, dann kein Wunder… Weiter geht es zum Wasserfall Gullfoss. Der ist schön, aber anders, als erwartet. Denn man kann ihn nur von oben besichtigen. So lässt sich der Fall der zweiten Kaskade von 21 Metern nur erahnen, weil Gischt und Nebel den Blick in die Schlucht verwehren.

Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?

… und Action, bitte!

Wir fahren weiter auf den Gletscher Langjökull und jetzt verstehe ich auch die Notwenigkeit von Monstertrucks. Normale Wagen kommen hier nicht durch. Selbst unser Truck bleibt einmal stecken. Ron beweist, dass er ein viel besserer Fahrer als Redner ist. Oben angekommen erwartet mich die wohl größte Überraschung: Zwei Dutzend Schneemobile, ordentlich in Zweierreihen gruppiert. Blöd ist nur, dass ich bei meinem letzten Snowmobile-Erlebnis vor vielen Jahren in den Rocky Mountains ein solches Teil gegen einen Baum gesetzt habe und seitdem einen Heidenrespekt vor ihnen habe angesichts von Kraft, Geschwindigkeit und des Versicherungsschadens. Aber auf dem Gletscher ist weit und breit kein Baum zu sehen. Also traue ich mich. Erst vorsichtig, brav hintereinander, später Wettrennen – jeder gegen jeden. Adrenalin pur. Matthias schafft über 60 Stundenkilometer. Mein Mobil scheint gedrosselt zu sein, denn ich komme nur auf 50. Vielleicht habe ich dieses Schneemobil bewusst bekommen, weil ich durch eine weltweite Datei für Verursacher von Totalschäden bekannt war. Sei’s drum. Auf dieser riesigen, weiten Fläche bei blauem Himmel und Sonnenschein durch die Gegend zu düsen, ein geiles Gefühl. Huuuh!

Beim Fotostop vor dem Gipfel trifft mich von hinten ein Schneeball. Ich vermute den englischen Hipster, weil Ron auf ihn zeigt. Aber dann verrät Rons verschmitztes Lächeln unter seinem wilden Bart, dass er der Attentäter ist. Also doch ein Anflug von Humor in Island, hah!

Irres Island – alles „huh“ oder was?

Die Schneemobiltour können Islands Wahrzeichen, die Geysire Großer Geysir und Stokkur, leider nicht mehr toppen später. Dennoch ist es ein abrundendes Erlebnis, an den Terrassen entlang zu schlendern, die heißen Quellen brodeln zu sehen und live dabei zu sein, wenn Stokkur seine 30 Meter hohe Fontäne in die Luft speit – um 10 Minuten später in sicherer Entfernung pure Schadenfreude zu haben, wenn ein anderer Touristenpulk von Stokkurs Wassersäule durchnässt wird, weil sie am gleichen Ort stehen, wie ich 10 Minuten vorher. Aber bei dem guten Wetter nicht weiter schlimm…

Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?
Irres Island – alles „huh“ oder was?

Letzte Worte…

Auf dem Rückweg nach Reykjavik sind Matthias und ich glücklich, erschöpft und dösen weg. Nur einmal schrecke ich hoch. Ron hat etwas gesagt! In der Ferne sind ein paar Häuser mit roten Dächern zu sehen. Das müssen besondere rote Dächer sein. Vielleicht wohnt da Björk? Oder Leif Eriksson Geburtshaus? „Sorry, what was this?“ Pause. „President’s place“, antwortet unser Guide meine Unaufmerksamkeit missbilligend.

Eine halbe Stunde später ist die Tour vorbei, der Monstertruck setzt uns im Stadtzentrum ab und zum Abschluss gönnen wir uns ein Dinner im exklusiven Restaurant Fiskfelagid Fish Company, wo wir die letzten Tage noch einmal aufarbeiten. Überraschendes, Teures, Abgefahrenes, Begeisterndes und ganz viel „Huh“. Während Matthias sich auf dem Rückflug eine irre, isländische Doku über die EM 2016 ansieht, schaue ich mir den ersten Teil der Nordic-Noir-Krimiserie „Trapped/Ófærð“ im Original mit Untertiteln an. Hätte ich den auf dem Hinflug gesehen, hätte ich wahrscheinlich angesichts der ganzen Klischees gestöhnt, aber jetzt denke ich bloß „Ja, das passt. So ist Island.“ Nur das Wetter im Film war nicht so ungewöhnlich gut.

Irres Island – alles „huh“ oder was?

Danke Jan, für deinen humorvollen Bericht und an Kumpel Matthias für die schönen Impressionen in Bildformat – wir sind schon gespannt, wie sich Island uns dann präsentiert, wenn wir im kommenden Frühjahr selbst die Insel besuchen

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