Sölden, Österreich 

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

23. August 2017

Wer kennt das nicht? Schon am Mittwochabend denkst du: Yeah, nur noch zwei Tage. Donnerstag feierst du bereits den „kleinen“ Freitag – und dann ist es endlich soweit: Du fährst den Rechner herunter, die Bürotür fällt ins Schloss und 48 Stunden süßes Nichtstun liegen vor dir. Endlich frei!

Doch dann kommt eins zum anderen. Wohnung aufräumen, auf einen kurzen Sprung in die Stadt, um Erledigungen zu machen, eine Verabredung zum Kaffee, zum Sport willst du auch und eigentlich müsstest du noch… Ehe du dich versiehst ist es Sonntagabend und das Wochenende ist mal wieder vergangen wie im Flug. War es das schon? Wieso sind alle anderen am Montagmorgen so erholt und ausgeruht – nur du hast das Gefühl, überhaupt nicht abgeschaltet zu haben…

Fest steht: Erholung ist eine Kunst. Insbesondere wenn du nur zwei Tage Zeit hast, bis die neue Arbeitswoche beginnt. Wir haben für uns ein wirksames Mittel zum schnelleren Abschalten entdeckt: Höhenmeter!

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

Eine Gebrauchsanleitung zum gekonnten Auftanken

Freitagabend: Ab in den Flieger nach München, Mietwagen entgegennehmen und los geht’s in Richtung Garmisch. Über die deutsche Alpenstraße erreichen wir in weniger als drei Stunden unser Ziel, das österreichische Ötztal. Unterwegs gibt es noch eine Leberkäs-Semmel auf die Hand. Herrlich, das schmeckt doch schon nach Urlaub und Abenteuer, so „exotisch alpenländisch“ (zumindest für uns Berliner)! Auf ins Wochenende!

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

Am frühen Samstagmorgen starten wir dann endlich die Bergtour. Der Wanderbus bringt uns entspannt an den Ausgangspunkt unserer Route. Vom Gasthof Fiegl im Windachtal aus geht es gemütlich zu Fuß weiter. Die ersten Schritte sind noch ein wenig unbequem. Der Schuh drückt, der Rucksack zwackt. Aber dann kommt der nächste Schritt und noch einer und noch einer und noch einer.

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal
Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

Gedankenspiele

Zu Beginn jeder Wanderung reden wir noch viel, tauschen uns aus, lassen die Woche Revue passieren, lachen gemeinsam, genießen die Aussicht. Dann wird der Weg steiler. Die Konzentration steigt, die Anstrengung auch und ich beginne mich mehr und mehr auf den Weg vor mir zu fokussieren. Ich schwitze, entledige mich der zu warmen Jacke. Umpacken und weiter. Das Dorf im Tal rückt in weite Ferne, nur selten kommen uns andere Wanderer entgegen. Die erste Stunde liegt nun schon hinter uns, Gelände und Vegetation verändern sich. Statt durch Wald und entlang des Baches geht es nun durch eine Heidelandschaft.

Die Gletscher am Horizont werden mit jedem Schritt imposanter. „Weißt du noch, letzten Winter – da drüben, das ist doch der Stubaier.“ Erinnerungen kommen auf. Weitere Reisen erfüllen meine Gedanken. Ich lasse sie in Ruhe Revue passieren. Mit einem Lächeln im Gesicht. Damals in Neuseeland, als wir bei  -8 Grad in der Früh aufgebrochen sind zum Tongariro Alpine Crossing. Oder die traumhafte Zeit in Florida im letzten Jahr – unsere Hochzeitsreise. So folgt eine Erinnerung der nächsten und ich merke auf einmal gar nicht mehr, wie die Zeit vergeht. Wir laufen weiter und weiter, das Ziel stets vor Augen: Hoch oben auf dem Gipfel vor uns thront das Brunnenkogelhaus, eine der schönsten Berghütten der Alpen, wie ich finde. Es schwebt geradezu in den Wolken – und über allen Dingen des Alltags.

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal
 

Klettere nie auf Berge, damit die Welt dich sieht – erklimme die Berge, damit du die Welt sehen kannst.

Wir haben sie endgültig abgeschüttelt: Die Woche, das Büro, die Meetings, die Deadlines – alles weit hinter uns zurück. Das einzige, was mich noch etwas beschäftigt und den Schritt schneller werden lässt sind die dunklen Wolken, die sich am Horizont auftürmen. Wird es noch ein Gewitter geben?

 

Über das Vergessen

Nach weiteren 2 Stunden und etlichen Höhenmetern erreichen wir dann endlich unser Heim für die Nacht auf 2.736 Metern. Die Gewitterwolken am Horizont sind glücklicherweise weitergezogen. Es ist noch früh am Nachmittag und wir haben nichts zu tun außer ein kaltes Radler in der Sonne zu genießen, die Aussicht zu bewundern und die Beine hochzulegen. Dieser Tag erscheint mir endlos – und das ist gut so.

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal
Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal
Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal
Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

Hüttenwirt Martin erzählt uns beim Plausch, dass er mit seiner Familie jedes Jahr rund fünf Monate hier oben verbringt und in dieser Zeit maximal einmal pro Monat ins Tal absteigt. “Für das Nötigste”, wie er sagt. „Vergessen darfst dann nichts“ – das wäre in der Tat ungünstig. Keine Straße führt hier herauf, keine Seilbahn. Jeder, der zu diesem wunderschönen Ort will muss laufen, laufen, laufen – und dabei den Alltag im Tal lassen, bitteschön. Lebensmittel kommen aus der Luft mit dem Helikopter.

Das Leben am Gipfel ist einfach und doch voller Überfluss. Du brauchst keinen Fernseher, wenn du diesen Ausblick genießen kannst. Du hast kein Handynetz, dafür viel Zeit zum Nachdenken und für das Miteinander. Als an diesem Samstagabend in den Clubs in Berlin die Bässe dröhnen, liegen wir in unserem Stockbett und genießen das Leuchten der Blitze am tiefschwarzen Nachthimmel und das dumpfe Grollen des Donners in der Ferne. Bergdisco!

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

3 x Gipfel und zurück…

Nach einem stärkenden Frühstück brechen wir am frühen Sonntag auf zur zweiten Etappe unserer Tour „raus aus dem Alltag“. Weitere 300 Höhenmeter bergauf über drei Gipfel und dann rund 1.200 Höhenmeter abwärts liegen vor uns, bevor wir am späten Nachmittag bereit sind, wieder in die Zivilisation einzutauchen. Die Route über das Timmelsjoch ist durchaus anspruchsvoll und mit einigen Kletterpassagen – spätestens jetzt sind wir im Hier und Jetzt angekommen.

Fünf Stunden laufen wir bergab und entscheiden uns dann sogar noch weitere zwei bis ins Tal zu gehen, statt den Wanderbus zurück nach Sölden zu nehmen über die Passstraße. Am Abend brennen unsere Waden, die Wangen glühen von der Sonne. Wir sind erfüllt von dieser Tour. Tief Luft holen, einatmen, ausatmen, leben – das alles ist so intensiv und so bewusst in diesem Moment. Ich habe das Gefühl, schon Tage unterwegs zu sein.

Was bleibt?

Am Montagmorgen komme ich aus meinem Kurzurlaub zurück in Büro und sitze pünktlich um 9 Uhr am Schreibtisch. Zugegeben, ich bin etwas müde, denn das alles war auch anstrengend. Aber eine positive Anstrengung, die mich noch lange erfüllt. Ich sitze mit leichtem Herzen vor dem Laptop und fühle mich ausgeglichen. Die Woche, die vor mir liegt? Kein Problem, denn es gibt glücklicherweise noch unglaublich viele Gipfel, die es zu erobern gilt. Auch, wenn nicht alle so eine zauberhafte Herberge beheimaten wie das Brunnenkogelhaus.

Tausche Alltag gegen Zeit – im Ötztal

Vielen Dank an Ötztal Tourismus für die Möglichkeit dieser Wanderung. Der Artikel beruht auf einer Kooperation, spiegelt jedoch uneingeschränkt die Meinung der Autoren wieder. Mehr Informationen zur Tour findet ihr HIER.

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