Douar Anzal, Marokko 

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.

11. Januar 2018

Reisen hat für uns auch eine Menge mit Neugier zu tun. Wir wollen die Welt in all ihren Facetten kennenlernen und staunend bewundern, wie vielseitig unser schöner blauer Planet ist – und wie die Uhren (und die Menschen) außerhalb der heimischen Nachbarschaft so ticken…

In unserer Wohlstandsgesellschaft bereisen wir ferne Orte meist, um uns von der anstrengenden Arbeit und vom Alltag zu erholen (zumindest ist das für viele eine Definition von „Urlaub“). In einem sozialen Gefüge, in dem Job-Performance zuweilen gleichgesetzt wird mit Lebensfreude oder zumindest Erfüllung eigener Ansprüche, empfiehlt es sich dann aber durchaus auch mal, die touristisch gepflegten Pfade zu verlassen, um sich wirklich zu erden, und vor allem auch um festzustellen, dass Glück und Erfüllung nicht allein vom Geld abhängen.

Douar Anzal

Bei unserem letzten Aufenthalt in Marokko durften wir Marrakech in vollen Zügen genießen. Wir übten uns im Müßiggang, tranken Tee, schlenderten durch Gärten, tranken noch einen Tee – kurz gesagt, wir machten nicht wirklich viel, sondern ließen uns in erster Linie treiben. Wunderbar! An einem Tag allerdings durften wir unsere Freundin Katrin zu einem ganz besonderen Trip begleiten – es ging in das 1,5 Stunden entfernte Douar Anzal – ein kleines Dorf im Atlas Gebirge. Douar Anzal ist so klein und für die industrialisierte Welt anscheinend so unbedeutend, dass es nicht einmal auf Google Maps erfasst wird. Und wir fragen uns noch heute, wie auch immer unser Taxifahrer damals den Weg dorthin gefunden hat…

Allein die Fahrt nach Douar Anzal war ein Erlebnis. Neben der spektakulären Landschaft waren es vor allem die Menschen und deren Fortbewegungsmittel, die immer wieder unsere Aufmerksamkeit erregten. Wir überholten alte Traktoren, ganze Familien auf Mofas (alle auf einem, wohlgemerkt) und Männer auf verrosteten Stahlfahrrädern ohne Gangschaltung. Mit dem Abstand zur modernen Stadt Marrakech schien sich das Verhältnis von 123er Mercedessen (die unverwüstlichen Taxi-Klassiker mit Kilometerständen jenseits der 500.000) zu Eseln proportional zu verschieben. Richtig gelesen: ESEL waren ein weiteres, scheinbar unverwüstliches Fortbewegungsmittel auf den Pisten um uns herum! Wie ich später erfuhr, kostet ein Esel in Marokko umgerechnet rund 90,- Euro. Seitdem plane ich einen Trip mit eben einem solchen vierbeinigen Begleiter durch die roten Felslandschaften Marokkos… Irgendwann…

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.

Douar Anzal wird übrigens von der Abury Foundation unterstützt und auch Katrins Company Nosade will sich zukünftig in Bezug auf die Bildung von Kindern und Frauen sowie der allgemeinen Entwicklung des Dorfs stärker engagieren. Und dieses Engagement ist auch dringend notwendig. Als wir die Siedlung erreichen, erkannten wir gleich, dass die Gebäude anders als viele in der Medina von Marrakech ganz und gar nicht prunkvoll restauriert sind, kein Zauber von 1001 Nacht – und dampfende Hamams gibt es auch nicht (Kamelmilch, Honig und Datteln aber vermutlich schon). Dennoch liegt eine Magie in der Luft, als wir das Dorf erreichen. Wie damals, als wir in der marokkanischen Wüste unterwegs waren mit nur dem nötigsten im Gepäck. Vielleicht lässt sich dieser „Zauber“ auch mit dem Gefühl beschreiben, in diesem Moment wirklich weit, weit weg von Daheim zu sein – weit weg vom Luxus und Wohlstand – und sich dennoch wohl zu fühlen. Ein hellwacher Zustand, in dem alle Rezeptoren auf „mehr davon“ stehen. Ein Zustand, der sich in Berlin nur allzu selten einstellt. Schade eigentlich…

 

Dritte Stunde, Französisch!

Als wir unseren Wagen vor der bunt bemalten Schule parkten, wurden wir herzlich von Lehrer Lahcen Ididi begrüßt, der vor dem Haus auf uns wartete. Kaum ausgestiegen, lud er uns stolz ein, seinem Unterricht beizuwohnen, bevor er uns später durchs Dorf führen wollte. An diesem Vormittag stand Französisch auf dem Lehrplan, und zwar für die (ganz) Kleinen. Lang lang ist´s her bei mir, aber die Töne waren sogleich vertraut. Nur das Klassenzimmer war etwas anders, als wir es aus unserer eigenen Jugend kennen…

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
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Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
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Einblicke in die marokkanische Küche

Nach dem Unterricht folgten wir Lahcen Ididi zu einer der Frauen, die für Katrin und die Stiftung regelmäßig Näharbeiten erledigen. Auch das ist ein Teil der Unterstützung, mit der die Bewohner ermutigt werden, sich ein eigenes Business aufzubauen. Bevor es aber um das „Geschäftliche“ ging, wurden wir ins Wohnzimmer zu einer Tasse Tee und einem reichhaltigen zweiten Frühstück eingeladen. Alles, was auf den Tisch kam, wurde von den Dorfbewohnern frisch produziert – und es schmeckte köstlich. Eier, Oliven, Marmelade & Honig, salzige Butter und dazu warmes Fadenbrot gefüllt mit gedünsteten Zwiebeln. Yammy.

Obwohl die Menschen hier nicht viel Materielles besitzen, wird Gastfreundschaft großgeschrieben (neben uns wurde selbstredend auch unser Taxifahrer zum Essen eingeladen). Die Unterhaltung funktionierte mit rudimentärem Englisch von Lahcem Ididi, Katrins arabischen Basics, Bruchstücken aus meinem Französisch-Unterricht (ich muss dringend üben), vielen Gesten und vor allem mit Lächeln. Und so macht Reisen einfach nur Spaß!

Wie die Menschen auf dem Land Brot zubereiten, durften wir später dann auch noch beobachten. Die Chefin des Hauses führte uns dazu in ihre Küche und begann sogleich mit der Zubereitung des Teigs, auf dem Boden sitzend und kräftig knetend. Luxusgüter und moderne Hilfsmittel wie eine schnieke Kitchenaid, eine Spülmaschine, Mikrowelle oder einfach nur einen Herd gab es nicht. Gekocht wird auf einem massiven Gestell mit angeschlossener Gasflasche, gebacken wird im Ofen. Und dieser steht nicht wie bei uns in der Küche, sondern draußen im Zentrum des Dorfs. In Douar Anzal gibt es insgesamt drei Öfen – und diesen teilen sich die mehr als 300 Bewohner.

Ohne Holz kein Brot!

Der Weg zum Ofen führte uns einmal quer durch die Siedlung. Dabei gab es für uns jede Menge zu bestaunen. Nur wenige Häuser haben Fenster auf, in den „Vorgärten“ grasen die Nutztiere, flache Steinmäuerchen ersetzen den Gartenzaun. Wir stoppten, um einen Blick auf die hiesige Olivenöl-Produktion zu werfen. Wir winkten dem Bürgermeister zu, schnupperten an Körben voller frischer Minze und streichelten den ein oder anderen Esel. Natürlich wurden auch wir bestaunt. Speziell die Kids hatten große Freude an diesem für sie ungewöhnlichen Besuch. Sie tuschelten, kicherten und versteckten sich hinter den kleinen Mäuerchen rechts und links des Weges.

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
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Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.

Den Spaziergang zum Dorf-Ofen nutzen wir, um Brennholz zu sammeln. Will man in einem marokkanischen Dorf Brot backen, dreht man natürlich nicht am Umluft-Regler, sondern macht selbst Feuer, um den Lehmofen auf Temperatur zu bringen. Ein Loch an einem Ende der selbst gebauten Konstruktion regulierte die Luftzirkulation – im Nu brannte das trockene Holz, angefeuert durch Papierreste, lichterloh. Auch mit drei Metern Abstand merkten wir, wie heiß es im Innern des Ofens sein musste. Das Befeuern sah dann auch entsprechend dynamisch aus!

Bevor aber das verbogene Blech (lag das nicht vorhin noch dort drüben im Dreck?) mit den Brotleiben ins Feuer geschoben und beide Öffnungen der Stein-Lehm-Konstruktion mit nassen Tüchern verschlossen wurde, entfernte die fleißige Bäckerin noch das restliche Holz aus dem Ofen. Nun hieß es: Warten – und in regelmäßigen Abständen die Tücher befeuchten. Wir standen nur da und staunten.

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
 

Backen ist wie Grillen

ohne Fleisch.

Ein schönes Fleckchen Erde

Lahcen Ididi zeigte uns im Anschluss noch den Rest seines Heimatdorfs. Das fertige Brot ließen wir ruhen und stiegen gemeinsam auf eine Anhöhe oberhalb von Douar Anzal. Der Ausblick war überwältigend und wir verstanden sofort, warum die Bewohner auf ihren Ort so stolz waren. Zu unserer Linken erstreckte sich ein benachbartes Dorf mit einer alten Ruine, vor uns ein grünes, fruchtbares Tal entlang des Flussbettes. Die Sonne schien, es war ruhig und friedlich – ein schöner Ort zum Leben.

Wir erfuhren von unserem Guide, dass die Häuser erst seit wenigen Jahren Strom und fließendes Wasser hatten. Letzteres musste früher aus dem Bach oder einer entfernten Quelle geschöpft und ins Dorf getragen werden. Ohne das Know How und die finanzielle Förderung der Stiftung würden die Dörfer heute noch so „funktionieren“ wie vor hundert Jahren. Und die Jungs und Mädels aus der Schule würden auf den Feldern helfen oder die Ziegen hüten anstatt zum Unterricht zu gehen.

Um eine letzte Tasse Tee im Haus von Lahcen Ididis Familie kamen wir natürlich nicht herum. Gastfreundschaft hat Tradition. In dem Gebäude oder besser gesagt Hofkomplex leben vier Generationen unter einem Dach. Das älteste Familienmitglied ist über 90 Jahre alt und arbeitet noch auf dem Feld mit. Man isst gemeinsam im Wohnzimmer. Im Untergeschoss hausen Kühe, ein Esel und ein altes Pferd, Schafe, Hühner, … alles was man zum Leben benötigt. Mir kam es vor, als wäre ich in Marrakech nicht in ein Taxi sondern in eine Zeitmaschine gestiegen. So muss es auch im Mittelalter in Europa zugegangen sein. Nur der Fernseher im Wohnzimmer und die Adiletten an den Füßen der Frauen passen nicht ganz in dieses Bild.

Trotz allem, mir fiel auf, wie gesund und vor allem alles andere als unzufrieden jeder um mich herum aussah. Alle Menschen, die wir an diesem Tag trafen, wirkten so viel glücklicher als die Herzinfarkt-gefährdeten Manager an den Großstadt-Flughäfen dieser Welt – in ihren Business-Outfits, die zum Teil mehr wert sind als viele marokkanische Esel zusammen…

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.
Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.

Warum wir reisen?

Als wir an diesem Abend zurück waren in Marrakech, dachte ich noch lange über das Reisen nach: Nur wer bereit ist, sein vertrautes Umfeld zu verlassen, wird solche besonderen Begegnungen haben, wie wir an diesem Tag. Nur wer reist, kann hautnah erleben, auf welch hohem Entwicklungsstand wir uns in Deutschland befinden. Nur der wird merken, dass viele unserer vermeintlichen Sorgen eigentlich „Peanuts“ sind. Nur wer reist, wird selbst diese besondere Willkommenskultur erleben und dann hoffentlich auch schätzen lernen, wird Augen und Herz öffnen und vielleicht zukünftig auch selbst Gastfreundschaft und Hilfe anbieten – und nicht länger ökonomisch begründete Grenzen ziehen.

Wer reist, sollte die tollen touristischen Hot Spots für uns reiche Europäer einfach auch mal bewusst verlassen, sollte sich ehrlich interessieren… und vielleicht das Leben Daheim doch auch ab und zu hinterfragen. Denn weniger kann manchmal so viel mehr sein…

Einfach. Wunderbar. Marokkanisch.

Mein Dank gilt all den liebenswerten Bewohnern von Douar Anzal und ganz besonders Lahcen Ididi und seiner Familie für die unfassbare Gastfreundschaft – und natürlich einmal mehr Katrin, ohne die wie niemals diesen Ausflug gemacht hätten. Eure Unterstützung der Gemeinde und des Abury Projekts ist mehr als willkommen. Hier geht es zum Spendenformular.

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