Bis zum Sonnenuntergang. Und noch viel weiter
Ein Bier. Kalt, verdient, perfekt. Die Sonne hängt tief über den Gipfeln Tirols, das Licht ist dieses unwirkliche Orange-Gold kombiniert mit kühlem Blau, das man nur im Winter bekommt. Ich sitze auf der Terrasse der Gipfelalm Hohe Salve auf 1.829 Metern, um mich herum: fast niemand mehr. Unten im Tal wartet meine Familie. Aber das hier – das gehört kurz mir. Die Piste liegt vor mir. Nicht wirklich steil aber vom langen Tag schon arg ausgefahren. Das Licht wird jeden Moment weg sein. Aber von vorne.
Ankommen in der Homebase: Hopfgarten
Hopfgarten im Brixental ist einer jener Orte, die man als „charmant“ bezeichnen würde, wenn man Reiseführer schreiben würde. Da ich das nicht tue: Es ist einfach ein schönes kleines Tiroler Nest, direkt an der Skiwelt angebunden, mit allem was man braucht und ohne das Tamtam größerer Skiresorts. Ein hübsche Altstadt mit netten Restaurants, Sportshops, Supermärkte, Bahnhof, … für uns die perfekte Basis.
Was ich beim ersten Besuch nicht auf dem Schirm hatte: Das Après-Ski-Programm endet hier nicht mit Liftschluss oder der letzten Lokalrunde. In Itter, einem der Nachbarörtchen, steigt wöchentlich die Snowparty – musikalisch nicht ganz mein Ding – Mikkel fand es jedoch super und fightete zu Schlager Beats mit den Strahlen der Lasershow und machte mich beim Zipfelbob Wettrennen nass. Interessanter für mich ist das Angebot in Ried, denn hier kann man abends noch die Piste runter, entweder auf Ski oder per Schlitten. Nachtschlittenfahren mit einem Siebenjährigen, der ohnehin schon zu viel Energie hat? Wir haben es beim kurzen Zipfelbob Race belassen.
Das Skigebiet und seine tückische Größe
Die Skiwelt Wilder Kaiser ist, das muss man wissen bevor man morgens euphorisch den ersten Lift nimmt, riesig. 280 Pistenkilometer. 90 Lifte. Fünf Orte, die irgendwie miteinander verbunden sind, auf eine Art, die man auf der Pistenmap theoretisch versteht und auf der Piste dann überhaupt nicht mehr. Wir haben das am ersten Tag ausgiebig getestet. „Wir wollen da rüber“ – mein Finger tippte zuversichtlich auf irgendwo in der Mitte der Karte. Katharina schaute skeptisch. Mikkel, sieben Jahre alt und mit der gesunden Selbstüberschätzung eines Kindes ausgestattet, das seit zwei Tagen auf Ski steht, sagte: „Ich kenn den Weg.“ Er kannte ihn nicht. Ich übrigens auch nicht. Eine knappe Stunde und mehrere falsche Abzweigungen später landeten wir an einer Gondel, die uns irgendwo wieder hinaufbrachte, von wo wir eigentlich wegwollten. Klassiker. Aber zum eigentlichen Familienski-Erlebnis gehört noch mehr als Orientierungslosigkeit.
Die Farb-Diskussion etwa. Blau oder Rot – das ist in der Theorie eine einfache Frage. In der Praxis, wenn man mit einem Kind fährt, das technisch gesehen auf einer roten Piste keine Probleme haben sollte, aber das partout nicht einsehen will, wird daraus eine epistemologische Debatte. „Papa, die ist zu steil.“ „Mikkel, das Schaffst Du. Mach einfach viele kleine Kurven.“ „Kurven sind aber anstrengend.“ „Versuch mal länger schräg zum Hang zu fahren.“ Warum fahren wir …?“ Katharina hat in dieser Sekunde einfach die blaue Piste eingeschlagen. Diskussion beendet.
Und dann natürlich die Frage: Wie lang ist ein Skitag? Ich habe eine klare Meinung dazu. Sie lautet: bis der letzte Lift schließt. Katharinas Meinung lautet: irgendwann ist gut. Mikkels Meinung nach ungefähr zwei Stunden lautet: „Ich hab Hunger.“ Was insofern praktisch war, weil es uns zu wunderbaren Hütte geführt hat.
Einkehr #1: Die Kraftalm
Die Kraftalm ist das, was man sich unter einer modernen Almhütte vorstellt, wenn man sich etwas wünschen dürfte: gemütlich, stylisch, nicht überlaufen, mit einer offenen Küche, die Tiroler Klassiker auf eine zeitgemäße Art richtig gut auf die Teller bringt. Wir kamen hungrig, leicht verschwitzt und in der kollektiven Stimmung einer Familie, die den Morgen gemeinsam überlebt hat.
Mikkel bestellte den Klassiker vom Kindermenu, das „Schnitzelchen“, Katharina einen leckern Burger. Ich den Knödel mit Babyspinat als Alibivorspeise – um dann noch den fantastischen Apfelstrudel hinterher schieben zu können. Warm, mit Vanillesauce, so wie er sein muss.
Die Kraftalm ist eine von diesen Hütten, bei denen man nach dem Essen kurz überlegt, ob man den Nachmittag nicht einfach hier verbringen sollte. Oder noch besser die Nacht, denn die Zimmer mit den großen Panoramafenstern schauen echt nicht verkehrt aus. Wir haben uns dagegen entschieden zu bleiben. Der Berg ruft. Zumindest mich.
Die Frage aller Fragen
„Papa, kann ich zwischen deinen Beinen fahren?“ Diese Frage, harmlos gestellt von seinem Lieblingskind, ist eigentlich eine Verhandlung. Es geht ums Loslassen. Und zwar auf beiden Seiten. Mikkel hat seine ersten Schwünge – wie vermutlich die meisten Minis – gemütlich zwischen den Beinen des Vaters genommen. Es ist ein schönes Bild: der Kleine, sicher eingekeilt, der Große gibt die Richtung vor. Der kleine grinst, der große stöhnt. Irgendwann muss das aufhören. Und zwar jetzt.
„Auf keinen Fall. Du fährst selbst.“ Was folgte, war eine Mischung aus Trotz, Tränchen, echtem Ehrgeiz und zwei, drei Stürzen, die zum Glück im weichen Schnee landeten. Ich habe ihn rückwärts fahrend jeden Schwung geleitet, wenn es flach war auf die „blöden Kurven“ verzichtet und ihn einfach ballern lassen.
Katharina auf dem Snowboard ist bei der Ski-Diskussion immer fein raus. Dafür kann ich mir am Ende mit geschwollener Brust auf die Schulter klopfen. Wenn der Mini uns allen davon fährt. Irgendwann.
Die Gipfelalm Hohe Salve
Die Gipfelalm Hohe Salve liegt auf 1.829 Metern und hat einen Blick, der einen kurz sprachlos macht. 360 Grad Panorama, der Wilde Kaiser auf der einen Seite, das Kitzbüheler Horn auf der anderen, dazwischen: Tirol in seiner ganzen Winterselbstverständlichkeit.
Wir kamen nach einem ausgiebigen gemeinsamen Skitag, alle drei, und bestellten das Programm: Käsespätzle. Kaiserschmarrn. Beides ohne Kompromisse, beides genau richtig. Die Gipfelalm ist eine von jenen Hütten, bei denen die Qualität des Essens und die Qualität der Aussicht sich gegenseitig verstärken.
Katharina und Mikkel haben danach die Ski in die Hand und die Gondel nach unten genommen. Das ist kein Zeichen von Schwäche – die Abfahrten von der Hohe Salve-Gipfelstation sind ausnahmslos rot oder schwarz, und für unsere Truppe wäre das keine gute Idee gewesen nach Hopfgarten oder Itter zu quälen. Die Gondel existiert genau für diesen Zweck: damit man den Panoramablick genießen kann, ohne die Abfahrt als Pflichtprogramm mitnehmen zu müssen. Ich durfte bleiben, bzw. Ich kam wieder. Dazwischen gab es noch eine Stunde Höhenmeter machen. Ohne Pizza-Pommes-Pizza-Pommes.
Die Stunde gehört mir: Gipfelalm Hohe Salve – Teil 2
Ein Bier. Kalt, verdient, perfekt.
Ich weiß, dass ich das schon geschrieben habe. Aber so war es. Die Terrasse hatte sich deutlich geleert, die meisten Skifahrer waren schon auf dem Weg ins Tal, das Licht wurde von Minute zu Minute besser. Es gibt Momente im Familienurlaub, die man sich nicht plant und die man auch nicht verdient – die passieren einfach. Das hier war so ein Moment. Ich saß, schaute, und machte mal was nur für mich. Herrlich.
Die Abfahrt von der Hohe Salve bei Sonnenuntergang ist das, wofür man eigentlich Ski fährt. Nicht für die Pistenkilometer, nicht für die Liftstatistiken – für genau diese zwölf Minuten, in denen die Piste leer ist, das Licht perfekt, und man einfach nur fährt. Kein Kind, das bremst. Keine Karte, die falsch liegt. Nur der Berg und der letzte Rest des Tages.
Zurück im Hotel waren Katharina mit Mikkel bereits frisch geduscht. „Wie war’s?“ – „Gut.“ – Mehr brauchte es nicht.
Kelchsau – ein Wiedersehen
Bevor wir ins Zillertal weiterreisten, machten wir einen Abstecher nach Kelchsau. Wer dieses Örtchen nicht kennt: Es liegt auch im Brixental, jedoch abseits der großen Skizentren, und es sieht so aus, als hätte jemand vergessen, der Zeit Bescheid zu geben.
Alte Holzgebäude, die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) auf dem Buckel haben und das auch zeigen. Kein Poser-Dorf mit aufgehübschten Sichtbeton-Villen, kein Skiort mit Après-Ski-Lärm. Kelchsau ist einfach ein Tiroler Dorf, das so geblieben ist, wie es war. Es hat etwas von einem Freilichtmuseum – aber eines, das noch bewohnt wird, in dem noch gelebt wird.
Für mich war es ein Wiedersehen. Ich war vor einigen Jahren schon einmal hier, damals zum Skitouring durch die Kitzbüheler Alpen – Teil 1 und Teil 2 für alle, die wissen wollen, wie dieses Gebiet abseits der Pisten aussieht. Damals war ich mit einem Freund unterwegs, mit schwerem Rucksack und dem leisen Masochismus des Skialpinisten. Und einem viel zu fitten Bergführer. Jetzt stand ich mit Katharina und Mikkel an der Hand, der die alten Holzhäuser mit der gleichen ruhigen Faszination betrachtete wie ich.
Skiwelt Wilder Kaiser mit Familie – lohnt es sich?
Kurze Antwort: Ja.
Längere Antwort: Die Skiwelt Wilder Kaiser ist groß genug, um auch nach drei Tagen nicht alles gesehen zu haben, und trotzdem überschaubar genug, dass man sich (nach dem ersten Orientierungs-Chaos) zurecht und seine Lieblingshänge findet.
Die Hütten – Kraftalm und Gipfelalm Hohe Salve – könnten unterschiedlicher kaum sein, gehören aber beide auf die Liste der Must Dos wenn ihr vor Ort seid.
Und dann ist da noch die Erkenntnis, die jeder Familienurlaub irgendwann produziert: Man fährt zusammen Ski, streitet über Pistenfarben, findet sich auf falschen Pisten wieder, und isst selig zusammen Kaiserschmarren.
Und manchmal, wenn alles passt, darf man allein auf einem Gipfel sitzen und Sonnenuntergang genießen. Das ist genug. Das ist mehr als genug.
Wir bedanken uns bei der Region Hohe Salve für die Einladung zu einer individuellen Pressereise. Weitere Infos zum Winter- und Sommer Angebot der Region findet ihr hier.
Dieser Artikel beruht auf einer Kooperation, spiegelt jedoch uneingeschränkt die Meinung und Eindrücke der Autoren wider.